l8o Das Buch als Märchenträger.
Auflagen, die vielleicht zusammen mit zweitausend Stück anzusetzensind, noch eine Weile gestützt worden ist, den Garaus gemacht. An-dererseits wird wohl niemand zweifeln, daß der Krebs, hätte ihn nichtWilhelm Grimm gegen den Frosch ausgewechselt, hätte gar LudwigRichter anstatt des Frosches ihn gezeichnet, heute noch in demMärchen von dem Dornröschen so lebendig wäre wie bei der altenMarie in Kassel vor mehr als einem Jahrhundert.
In deutschen Landen ist es also das Buch, das die mündlicheVerbreitung des Märchens bestimmt: das Buch tötet Überlieferungen,das Buch erhält Überlieferungen lebendig, das Buch läßt Neues Über-lieferung werden, und diese Erkenntnis, die wir uns in mühsamerArbeit für einen einzelnen, aber durchaus charakteristischen Fallerschlossen haben, wird von den Sammlern und überhaupt von denVolkskundlern bestätigt, die das sogenannte Volk unmittelbar beobach-tet haben. Aus diesem durch solche Aussagen durchaus einwandfreierZeugen bewährten Einfluß der Märchensammlungen, denen nochSchulbücher, Kalender, Bilderbogen zuzuzählen sind, leitet LutzMackensen, in dem schon zitierten Aufsatz (Zeitschr. für DeutscheBildung, 1930, 346 f.), das Recht ab, als Tatsache festzustellen „dieEntstehung einer Doppelschichtung unseres Volksmärchenschatzes(altes Erzählungsgut — neu ins Volk gedrungenes Buchmärchen), diewir miterleben"; „diese Tatsache", so fährt er fort, „lehrt uns dieBildungsgesetze des volkstümlichen Erzählungsgutes auf eine sehrinstruktive Weise erkennen: wir erleben an konkretem Beispiel, wieauch in früheren Zeiten durch Predigtmärlein, Schwankbuch undRoman der Märchenschatz um- und neugeschichtet worden ist . . .Die Märchenforschung wird, ehe sie die Frage nach dem autochthonenMärchenschatz der Heimat stellt, gut daran tun, in vollem Umfangdie Abräumung der einzelnen Beeinflussungsschichten vorzunehmen;erst dann wird sich die ganze Auswirkung der Buchliteratur auf dasVolksmärchen ermessen, erst dann der Umfang dessen, was wir alsurheimatliches Gut in Anspruch nehmen dürfen, feststellen lassen.Die bisher erarbeiteten Anzeichen sprechen dafür, daß dieser Umfanggering ist."
Wie man nun aus der ganzen Abhandlung, aber auch schon ander eben mitgeteilten Stelle aus der Einführung von Predigtmärlein,Schwankbuch und Roman ersieht, gebraucht Mackensen das WortMärchen in dem Sinne der Brüder Grimm, nicht aber in dem unsern,der durch den Begriff des Wundermotivs, das er dem Märchen vor-behält, und den Begriff des auch das Wahnmotiv einschließendenGemeinschaftsmotivs, das er auch schon dem Märlein und seiner Vor-gängerin, der Geschichte zuweist, eine wesentliche Unterscheidunggetroffen hat. Die Wichtigkeit dieser Unterscheidung aber wird, wersie nicht schon bisher erkannt hätte, sofort erkennen, wenn wir diesich in diesem Zusammenhang von selbst ergebende Frage nach demAlter des Märchens zu beantworten versuchen.
Da man, wie wir gesehen haben, im Gegensatze zu den BrüdernGrimm versucht hat, das Märchen vor den Mythos zu setzen, ist esselbstverständlich, daß man zu Ungeheuern Zeiträumen gekommen ist.So bekämpft, um von altern Forschern zu schweigen, Von der Leyen