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Versuch einer Theorie des Märchens
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und seine Einwirkung auf das Märchen vom Dornröschen. 179

Krebs der Madame d'Aulnoy in die ansonsten auf Perrault zurück-gehende älteste deutsche Fassung des Märchens von dem Dornröschen,die wir kennen, nämlich in die, die die Brüder Grimm für ihre Dar-stellung benützt haben, übergangen ist*).

Nun hatdie alte Marie", die Kinderfrau in dem Hause des Apo-thekers Wild in Kassel, die Gewährsmännin der Grimm, sicherlichweder die Märchen Perraults, noch die der Frau von Aulnoy gekannt;aber Nacherzählungen beider mag sie gehört haben, und so ist es nichtvon vorneherein ausgeschlossen, daß sie es gewesen ist, die diese zweiMärchengeschichten verquickt hat; als wahrscheinlicher allerdings mußangenommen werden, daß diese Verquickung von einem andern, einemVorgänger herrührt und daß die alte Marie die neue Märchengeschichteals gute Pflegerin bewahrt hat. Sei dem nun, wie ihm wolle: jedenfallsist ihre Erzählung, der in der Darstellung, die ihr die Brüder fürClemens Brentano gegeben haben, der Charakter der SachlichenKunstform nicht abgesprochen werden kann, die einzige Fassung ausdem Ende des achtzehnten oder dem Beginn des neunzehnten Jahr-hunderts, die wir als volksmündlich bezeichnen dürfen, und an ihremmotivischen Inhalt hat auch Wilhelm Grimm länger als zwölf Jahrelang nichts geändert; wenn also das Dornröschen bis 1825 mündlichnacherzählt worden, wenn es in die sogenannte Überlieferung über-gegangen ist, so hat das natürlich, wenn man nicht die ganze Eingangs-episode wegließ, nur mit dem Krebs als Verkünder der Wunscherfüllunggeschehen können.

Nun haben wir bei den Schulmädchen von Komotau gesehen,daß sie, wenn sie überhaupt der Königin die Geburt eines Töchterleinsverheißen lassen, diese Aufgabe dem Frosche zuweisen, der sie in denKinder- und Hausmärchen zum ersten Male in der Kleinen Ausgabedem Krebs abgenommen hat; dasselbe tun auch die Schülerinnen derBürgerschulen in den Böhmerwaldstädtchen Neuern und Krummauund in Mährisch-Schönberg**)andere Versuchsergebnisse liegen mirnicht vor; auf der ganzen Linie hat der Krebs dem Frosche weichenmüssen, ja die Verbindung des Frosches mit dem Märchen vom Dorn-röschen hat sich bei einer Schülerin (Krummau, dritte Klasse) als soeng erwiesen, daß sie unter der Überschrift Dornröschen den Frosch-könig (Grimm, n° 1) nacherzählte.

Das alles hat natürlich das gedruckte und hin und wieder auchbebilderte Buch getan: die sicher mehr als zwei Millionen Exemplareausmachenden spätem Auflagen der Großen und der Kleinen Aus-gabe der Kinder- und Hausmärchen samt den vielen Nachdrucken,die seit dem Erlöschen der Schutzfrist (1893) erschienen sind, habender alten mündlichen Überlieferung, obwohl diese durch die zwei ersten

*) Außer dem Krebs entspricht in der von der Iland Jacob Grimms her-rührenden Niederschrift auch noch die Zeitbestimmung ,,in ihrem fünfzehntenJahr" dem ,,avant l'age de quinze ans" der Französin; bei Perrault sagt dieälteste siebente Fee nur ,,que la Prinzesse se perceroit la main d'un fuseau etqu'elle en mouroit", und die Verwünschung ist nicht befristet.

**) In Neuern haben in der dritten Bürgerschulklasse von achtzehn Mädchenfünf die erwähnte Episode, für Krummau sind die entsprechenden Zahlen inder dritten siebzehn und drei, in der zweiten zweiundzwanzig und drei, fürMährisch-Schönberg (dritte Klasse) achtzehn und zwei.