Rückzugsbestrebungen der Finnischen Schule. 177
und Samoa aufgezeichnet worden sind (133 f.). Leider hat Aarnedas 192g erschienene Buch Stith Thompson's, Tales of the North Ameri-can Indians, nicht mehr erlebt; vielleicht hätte er sich noch einigeweitere Zugeständnisse abringen lassen angesichts des riesigen Varian-ten-Verzeichnisses zu dem Motiv von der Obstacle Flight (333 f.),eingeleitet durch eine Äußerung von Franz Boas, die zwei Über-.lieferungsströme annimmt: einen alten, der von Sibirien über dieBering-Straße führt, und einen neuen, der in Spanien entspringt undüber Latein-Amerika nordwärts fließt, bis er sich mit dem andern inKalifornien vereinigt. Das ist natürlich als ein Versuch aufzufassen,die finnische Theorie einigermaßen den Tatsachen anzupassen — kaumist der Märchenträger in der Neuen Welt angelangt, so beginnt schonwieder die Wanderung von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volknach geographischer Ordnung —, aber die Tatsachen sind doch sostark, daß Krohn zu dem Zugeständnis genötigt ist, solche Wan-derungen seien wirklich vor sich gegangen; dabei macht er aber einemerkwürdige Einschränkung (Die folkloristische Arbeitsmethode, 135):„Derartige Überlieferungen" (nämlich Volksüberlieferungen schlecht-hin) „sind mit den ersten Kulturträgern in die europäischen Koloniender neuen Erdteile gelangt." Also höchstens die ersten Missionarehätten Märlein und Märchen nach Amerika und Australien bringenkönnen; spätem Reisenden wäre das unmöglich gewesen, und durchausausgeschlossen von dieser Befruchtung wären die weiten Gebiete deralten Weltteile, obwohl dorthin schließlich wenigstens ein bißcheneuropäischer Kultur verbreitet worden ist.
Man sieht: der Kampf der Finnen gegen die Verbreitung derMärchen und Märlein durch einen Einzelnen, durch den Märchen träger,den sie mit einem Kulturträger identifizieren möchten, trägt denCharakter eines Gefechtes, das den Rückzug auf vorbereitete Stellungendecken soll. Die Möglichkeit, daß sich Märchen und Märlein andersals nach der geographischen Ordnung von Mund zu Mund und Volkzu Volk verbreitet hätten, der zuliebe sie konsequenterweise die Exi-stenz eines ursprünglich europäischen Märchens in Südafrika eherdurch eine Einwanderung aus Marokko oder Ägypten zu erklärenversuchen müßten als durch einen Missionar, der sich in Englandeingeschifft hat und in Kapstadt ausgestiegen ist —, diese Möglichkeitkönnen sie nicht mehr leugnen, und die nächste Position, die sie aufdem Rückzuge beziehen werden, wird wohl die sein, daß sie ausnahms-weise auch die Annahme dulden werden, daß ein Märlein oder Märchenvon Indien nach Deutschland oder von Italien nach Persien über Landund Meer getragen worden ist, ohne daß es auf diesem Wege einQuentchen seines Inhalts eingebüßt hätte.
In dieser superlativischen Fassung freilich nehmen auch wir dasnicht als die Regel an; je umfangreicher, je verwickelter ein Märchenoder ein Märlein ist, desto leichter wird es bei der Übertragung, wennsie nicht ausschließlich durch die Literatur vor sich geht, an Substanzverlieren, und kommen gar mehrere Träger in Betracht, so steigertsich mit ihrer Zahl die Wahrscheinlichkeit der Einbußen, aber auchder eigenmächtigen Änderungen, die nicht nur der Absicht entspringen,das Märlein oder das Märchen in der ihm zugedachten neuen Heimat
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