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Versuch einer Theorie des Märchens
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176 Die Alte Welt und die neuen Erdteile.

glauben wir nicht fehl zu gehen mit der Behauptung, daß es niemand'schlechterdings niemand geben werde, der der Annahme einer Ver-breitung von Individuum zu Individuum, von Volk zu Volk vonFrankreich bis zum Himalaya den Vorrang geben wollte vor derSelbstverständlichkeit, daß etwa ein mit einer Vorliebe für Gauloi-serien behafteter Engländer den französischen Schwank in Srinagar,eben dort, wo ihn Knowles hat erzählen hören, erzählt hat. Das hätteaber auch ebenso gut in Australien oder im Kapland oder irgendwoin Amerika geschehen und dasselbe Ergebnis zeitigen können, nämlichden Übergang eines ein paar Jahrhunderte alten europäischen Märleinsin den einheimischen Geschichtenbestand.

Und mit dieser Feststellung gelangen wir zu dem springendenPunkte in diesem Abschnitt unserer Erörterung. Die Tatsache, daßsich in Weltteilen und Gegenden, wohin eine Verbreitung von In-dividuum zu Individuum, von Volk zu Volk und nach der geogra-phischen Ordnung ausgeschlossen ist, Märchen und Märlein finden,die unzweifelhaft mit solchen der Alten Welt zusammenhängen, hatder finnischen Forschungsmethode schon von Anfang an schwere Ver-legenheit bereitet. Krohn hat in dem Anhange zu seinem ersten Berichtüber die Tätigkeit des folkloristischen Forscherbundes FF (FF Comm.n° 4, 13 f.) einen Vorschlag zu einer Buchstabenbezeichnung bei derAnalyse der Varianten eines Märchentypus gemacht, wonach die Welt-teile durch die Bezeichnungen Eu, As, Af, Am und Au unterschiedenwerden sollten, und diesen Vorschlag hat Aarne (FF Comm. n° 13,65 f.) billigend besprochen und abgedruckt; weder vorher aber, nochnachher kommt Aarne auf die Probleme, die sich an die Existenz vonMärchen oder Märlein in Amerika oder Australien knüpfen, zu sprechen:sein Leitfaden nimmt keine Rücksicht auf den Umstand, daß eineWanderung dorthin auf dem Wege, den er als einzigen zuläßt, unmög-lich ist. In seiner Arbeit Die Tiere auf der Wanderschaft (FF Comm.n° 11) freilich hat er nicht umhin können, festzustellen (107):VonEuropa ist das Märchen nach Amerika gewandert, wo es dreimal beiden Engländern Nordamerikas und einmal bei den Indianern Argen-tiniens aufgezeichnet worden ist", und er hätte überdies anführenkönnen, daß es auch bei einem Indianerstamm Neuschottlands vor-kommt (Silas Tertius Rand, Legends of the Micmacs, 1894, n° 20,zitiert bei Stith Thompson, European Tales among the North AmericanIndians, 1919, 444). In seiner erst posthum erschienenen Märchenstudieweiter, betitelt Die magische Flucht wir haben sie schon erwähntschließt er sich zwar der von Ehrenreich vertretenen Ansicht an, eshabean den Küsten des Berings-Meeres seit Jahrhunderten einAustausch von Mythen und Kulturelementen zunächst zwischenTschuktschen und Korjaken einerseits, Indianern und Eskimos anderer-seits stattgefunden" (140), ja erklärt sich sogar, wieder nach Ehren-reich, für die Möglichkeit einer Wanderung dieses Märchens wirwürden lieber von einer Episode sprechen von Nord- nach Süd-amerika (142), sieht sich aber doch gezwungen, bei Varianten ausMassachusetts, Jamaika und Brasilien die Wahrscheinlichkeit einerEinfuhr aus Europa zuzugeben (134, 138), und als sicher stellt er dieeuropäische Quelle bei den Überlieferungen fest, die auf Mauritius