Ein europäischer Schwank in Kaschmir. 175
sei, liege uns ob; die Sage könne ja die neue Form schon anderswovielleicht in Palästina angenommen und dann so nach Persien gewandertsein. Diesem zweiten Teil einer solchen Vermutung müssen wir dieMöglichkeit absprechen, weil sich dann doch wohl der Zug von demMesser als Brücke, der ja überflüssig ist, nicht erhalten hätte; demersten Teil, nämlich einer frühem Fixierung in Palästina, müssen wirzubilligen, daß er zutreffen könnte, aber dann läge es denen, die diesenEinwand erhöben, ob, die Wanderung aus Europa nach Palästina zuerklären, und sie stünden dort, wo wir am Anfang standen. Immerhinwollen wir, um derlei Einwendungen, obwohl ihre Unsachlichkeit aufder Hand läge, von vornherein zu begegnen, noch ein Beispiel anführen,dessen Trivialität entschuldigt werden möge.
In der Elite des contes des Sieurs D'Ouville findet sich (in derAusgabe von 1661, I, 164 f.; Neudruck, 1883, I, 106 f.) ein Schwankfolgenden Inhalts: Ein Mann, dem seine Frau nichts recht machenkann, unterläßt es, bei einem Fische, den er gekauft hat, die Zu-bereitungsart, die er wünscht, bekanntzugeben. Um ihn nun aufjeden Fall zufriedenzustellen, bereitet sie jedes Stück anders zu:als er das gesottene Stück ablehnt, bringt sie das gebackene, danndas gedämpfte, dann das gebratene usw., bis sie ihn endlich fragt,was er denn eigentlich will, worauf sie zur Antwort erhält: „Je veuxde la merde"; da ihr Kind kurz vorher, als sie in der Küche war,die Tischdecke verunreinigt hat, ist sie in der Lage, ihm auch dasGewünschte vorzusetzen. Dieser Schwank, der auch in den Recreationsfrancoises, 1663 abgedruckt ist (1681, 119), erscheint 1808 in den Centoracconti von Michele Somma (zit. Ausg. 240, racc. 96), wo aus demFisch ein Stück Fleisch geworden ist, und dann 1835 in dem Volks-büchlein von Ludwig Aurbacher (Reclam-Ausg., I, 126): hier bringtder Mann seinen Freund zum Essen mit, damit sich der überzeuge,daß seine Frau immer ein frohes Gesicht zeige; er tadelt eine Speisenach der andern, bis die ominöse Frage kommt, worauf sie den Leuchterwegnimmt, mit dem sie das von dem Kinde auf dem Tische Zurück-gelassene bedeckt hat. Außerdem ist aber noch eine Schnurre inW. Wissers Plattdeutschen Volksmärchen zu nennen (II, 98: Kannsuk kriegen): Der Gatte will auf den Rat seines Bruders mit seinerFrau einen Streit vom Zaune brechen; in dieser Absicht schickt erihr Fische mit der Weisung, sie zum Abendessen zurecht zu machen,ohne daß er ihr aber sagen ließe, wie. Sie bratet die Hälfte, die andereHälfte siedet sie; als er aber jene unwillige Äußerung tut, hebt sie denStulpen ab, den sie anstatt des Aurbacherschen Leuchters verwandthat. Es fällt uns nun nicht ein, spintisieren zu wollen, wie sich diesüddeutsche und die norddeutsche Version zu der französischen ver-halten, und vielleicht gar die Vorlage Aurbachers zu rekonstruieren;aber daß sich der Schwank mit geringen Änderungen — das zuletztVerlangte hat nicht das Kind geliefert, sondern irgendein Tier, unddie Frau hat ein Körbchen darüber gestülpt — auch in Kaschmirfindet, wo ihn J. H. Knowles (Folk-Tales of Kashmir 2 , 1893, 244)aufgezeichnet hat*), muß doch wohl zum Nachdenken anregen. Hier
*) Die Erzählung, in die er eingeschoben ist, bietet ansonsten eine Parallelezu einem Märlein der Vierzig Wesire (Chauvin, VIII, 125 t.).