174 Eine fränkische Sage in Persien.
nicht in dem Buch vom heiligen Karl, aber auch, soweit mir bekannt,in keiner Volkserzählung Europas; auf einmal aber findet sie sich ineiner persischen Geschichte, wo sie, da die Fliege auch als Seelentierkeiner Brücke bedarf, durchaus überflüssig ist, wo erst eine Schalemit Milch, die auch ein schlangenartiges Tierchen hätte umgehenkönnen, herbeigeschafft werden muß, damit der Schäfer ebenso träumenkann wie König Guntram. Hans Naumann hat (Primitive Gemein-schaftskultur, 63 f.) unter dem Titel „Der König mit der Schlangeim Leibe" das Verhältnis der fränkischen Sage zu einem indischenMärlein untersucht, das auf dem von uns dem Pancakhyänaka nach-erzählten beruht und sich von ihm nur dadurch unterscheidet, daß esnicht die Gattin des Königsohns ist, die das Gespräch der Schlangein seinem Leibe mit der Artgenossin belauscht, sondern sein Kanzler,und ist zu dem Schlüsse gekommen, daß das den zwei ErzählungenGemeinsame zu gering ist, um einen Zusammenhang anzunehmen; inunserm Falle aber erstreckt sich das Gemeinsame auf so wesentlicheZüge, daß wir wohl keinen Widerspruch zu befürchten brauchen, wennwir feststellen, daß die bachtijarische Geschichte auf der Sage beruht,die mehr als ein Jahrtausend vorher in dem Kloster Monte Cassinoniedergeschrieben worden ist.
Wie ist nun diese nach Persien gelangt? Sollen wir annehmen,daß die Fassung, die ihr der Diakon Paulus gegeben hat oder eineder vielen europäischen Nacherzählungen — unser Freund FrancescoDoni hat sie gleich in zwei seiner Bücher eingefügt — oder gar dieDarstellung in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm eine Sprach-grenze nach der andern überschritten hätte, um von Mund zu Mundbis zu einem Nomadenstamm Persiens zu wandern ? Wäre diese An-nahme nicht geradezu absurd gegenüber der fast selbstverständlichen,daß irgendein Europäer, ein Diplomat etwa oder ein Kaufmann, diefränkische Sage etwa in der persischen Residenz erzählt hat, so daßsie etwa einem Hauptmann der bachtij arischen Leibwache des Schahszur Kenntnis gekommen ist? Und weiter: liegt nicht angesichts derTatsache, daß König Guntram, der den ihm von seinem Seelentiergewiesenen Schatz der Kirche geschenkt hat, heilig gesprochen wordenist — sein Fest wird in Chalon-sur-Saöne, wo sein wunderwirkendesGrab ist, noch heute (am 28. März) begangen —, auch die Annahmenahe, daß ein katholischer Geistlicher der Träger dieser Legende*)gewesen ist, deren Handelnde dann, der Merowinger samt seinemGetreuen, bei den Nomaden begreiflicherweise Hirten geworden sind?
Vielleicht aber könnten Anhänger der Finnischen Schule, um unsmit unsern eigenen Waffen zu schlagen, einwenden, der Vergleichder persischen Geschichte mit der europäischen Legende oder Sagezeige, daß diese auf ihrem Wege verd' rben sei, und der Beweis, daßdies erst unter den Bachtijaren oder überhaupt in Persien geschehen
*) Nach Paulus Diaconus erzählt sie z. B. Petrus de Natalibus (de' Natali),Catologus sanetorum, 1. IV, c. 8 (1516, 66a). Die Acta Sanctorum bringen zum28. März, dem Guntramstag (718—731) nur Guntrams Biographie von Gregorvon Tours und die Guntram betreffenden Stellen aus Fredegars Chronik; unsereSage wird dort nirgends erwähnt, und die Bollandisten scheinen von ihr nichtsgewußt zu haben.