Eine fränkische Sage in Persien. 173
er geträumt hat, er habe einen Fluß auf einer eisernen Brücke über-schritten, sei in einen Berg gegangen und habe dort eine Menge Goldesgesehen. Nun erzählt ihm der Getreue, was er gesehen hat; an jener Stelledes Berges wird nachgegraben und man findet unermeßliche Schätze.
Mit dieser Sage vergleiche man nun eine Geschichte, die D. L. R.und E. 0. Lorimer bei den Bachtijaren aufgezeichnet haben (PersianTales, 1919, 311): Zwei Hirten sind mit ihren Schafen auf der Weide,und während der eine schläft, sieht sein neben ihm sitzender Gesell,wie ihm eine grüne Fliege aus der Nase kommt. Da legt er über eineSchale mit geronnener Milch, die vor ihm steht, ein Messer, die Fliegesetzt sich darauf und geht bis zu dem andern Ende; dann fliegt sieauf den mittlem von drei in einer Reihe liegenden Steinen, und dortsitzt sie eine lange Weile. Nun weckt der Beobachter den Schläferunter dem Vorwande, dessen Herde habe sich verlaufen, aber derGeweckte ist böse, daß er ihn nicht hat ausschlafen (und austräumen)lassen. Der Gescholtene, der weiß, daß die Fliege die Seele des anderngewesen ist, macht sich erbötig, diesem den Traum abzukaufen; dasGeschäft wird gemacht, und der Schläfer erzählt seinen Traum: „Ichbin auf einer eisernen Brücke über einen Abgrund gegangen, und dasWasser in der Tiefe war weiß; drüben habe ich mich niedergesetzt,und unter meinen Füßen war alles Felsen und Steinblöcke. Und dortwar ein Schatz verborgen, aber du hast mich nicht so lange schlafenlassen, daß ich hätte sehen können, ob ich den Schatz bekommenwürde oder nicht." Nach Bezahlung des Kaufpreises für den Traumgräbt der andere unter jenem Stein in der Mitte nach, und dort findeter vier Krüge mit Juwelen.
Nun war und ist bei den Primitiven sozusagen der ganzen Weltdie Vorstellung, daß im Schlafe das, was man gemeiniglich die Seelenennt, den Leib verläßt und daß ihre Erlebnisse den Inhalt vonTräumen bilden können, weit verbreitet, und eine, wie stets, mehrals reichliche Zahl von Belegen gibt J. G. Frazer, III, 26 f., darunterauch (39) die Sage von dem Frankenkönig; Geschichten und Märleindieser Art brauchen denn auch keinen Zusammenhang untereinanderzu haben, und nirgends ist vielleicht das Wort von der Polygenesisso berechtigt wie hier. Innerhalb dieses Ungeheuern Geschichten-Durcheinanders aber nimmt die Sage von dem Frankenkönig eineganz besondere Stellung ein, und diese dankt sie der eigentümlichenVerbindung, die das Motiv von dem Seelentier mit andern eingegangenist; darunter ist das am meisten hervorstechende, das absonderlichste,daß es der Zeuge der äußern Vorgänge des Traums ist, der dessenVollendung ermöglicht, indem er dem Seelentier ein Hindernis über-winden hilft. Diese Episode findet sich, von einer Parallele in derChronik des 1229 verstorbenen Helinand abgesehen*), in keiner deransonsten auf die fränkische Sage zurückgehenden literarischen Paral-lelen, nicht in dem entsprechenden Abschnitt des Gui de Warwick,nicht in der n° 172 der Gesta Romanorum (Oesterley; Dick, n° 194),
*) Diese Erzählung ist uns nur durch Vinzenz von Beauvais erhalten; dieGrimm haben sie nach dem Abdrucke bei Johannes Weyer (Wierus), De praestigiisdaemonum, 1563, 65 (Von Teuffelsgespenst, Zauberern und Gifftbereytern, 1586,35) in ihre Deutschen Sagen als n° 461 aufgenommen.