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Versuch einer Theorie des Märchens
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172 Der Märchen- und der Märleinträger.

bei den Tarandschi in Südsibirien aufgezeichnet hat (Proben derVolksliteratur, VI, 1886, 187). Unter den mündlichen Variantenschließlich, die Bolte-Polivka zu dem 13. Märchen der Brüder Grimmangeführt haben (I, 100 f.) ist nicht eine einzige, die uns einen Finger-zeig geben könnte, auf welche Weise das Märchen aus seiner indischenQuelle entstanden ist.

Samt all dem Wanderdrang, den Krohn dem Märchen als eineArt immanenter Eigenschaft zuschreibt, ist in keinem dieser Fälledie Wanderung, die ja stattgefunden haben muß, mit der AarneschenFormelvon Individuum zu Individuum, von Volk zu Volk" zuerklären. Andererseits wissen wir, daß das Märchen oder das Märleinschon in dem Munde des ersten Nacherzählers, wenn er nicht überdie Vorzüge eines Märchenpflegers verfügt, nicht nur außer der etwavorhandenen Sprachlichen die Sachliche Kunstform verliert, sondernauch an seinem motivischen Inhalt Schaden und Abbruch leidet,daß daher das Märchen, je länger der Weg, je mehrgliedrig die Kettesolcher Erzähler ist, desto mehr zerflattern, zunichte werden muß.Aber auch wenn wir, so wie man an den Straßen nach je neun Hekto-meterzeichen einen Kilometerstein setzt, jeweils nach einigen Erzählerneinen Pfleger einschieben wollten, so könnten wir damit zwar dieSachliche Kunstform retten, nicht aber ihr Motivgerippe, und dieseswürde an dem Ende der Wanderung ganz anders aussehen, als beidem Antritt. Über diese Schwierigkeiten kommen wir nicht andershinweg, als daß wir wieder das in Betracht ziehen, was die FinnischeSchule bewußt und wie zum Trotze ausgeschaltet hat, nämlich denEinzelnen, der ein Märlein aus Indien oder Vorderasien oder woherimmer über weite Landstrecken, über Berg und Tal, über Wüstenund über Meere in die Fremde trägt: den Märlein- oder Märchen träger.

Wie notwendig, wie selbstverständlich diese Einführung ist, wiesehr sie der Wirklichkeit gerecht wird, werden wir vielleicht am bestenerkennen, wenn wir uns klar zu machen suchen, auf welche Weiseumgekehrt europäische Märlein in den Orient gelangt sind.

Gegen Ende des achten Jahrhunderts, kurz vor seinem Tode, hatPaulus Diaconus nach mehrjährigem Aufenthalt an dem Hofe Karlsdes Großen die Geschichte des langobardischen Volkes, dessen Sohner war, vollendet; in dieser (1. IV, c. 34) findet sich eine Sage fol-genden Inhalts*): Der fränkische (oder burgundische) König Guntram(t 593)i der auf der Jagd müde geworden ist, setzt sich unter einenBaum, um zu ruhen, und legt seinem Begleiter, einem seiner Getreuen,das Haupt in den Schoß. Auf einmal sieht dieser, wie aus dem Mundedes Königs ein Tierchen kommt, das einer Schlange gleicht, wie eszu einem Wässerlein in der Nähe läuft und sich vergeblich hinüber-zugelangen bemüht; da zieht er sein Schwert aus der Scheide undlegt es über das Wässerlein, und das Tierchen setzt so über. Auf derandern Seite verschwindet es in einer Öffnung im Berge; dann kommtes, wieder über das Schwert, zurück und geht wieder in den Munddes Königs ein. Wach geworden, erzählt dieser seinem Getreuen, daß

*) Sie ist bequem nachzulesen in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm(n° 433)-