170 Versuch einer Anwendung von Krohns Theorie.
Weder bei diesem letzten Erzählungspaar, noch bei den andernsind uns literarische Dokumente bekannt, die als Zwischenglieder inBetracht kommen könnten: überall steht die ältere der Jüngern ohneeine sichtbare Verbindung gegenüber. Es ist natürlich möglich, daßes z. B. zwischen der Novelle Sercambis von dem Frosche in demLeibe der Prinzessin und der indischen Erzählung, auf die sie inletzter Instanz zurückgeht, ein Mittelglied gegeben hat, und vielleichtwird einmal in einer vergilbten Handschrift irgendeiner europäischenBibliothek ein Märlein entdeckt werden, das sich zwischen die ältereund die jüngere Darstellung einschiebt; aber das würde uns bei denErwägungen, die wir jetzt anstellen wollen, wenig helfen: wir hättendann eben nicht mehr zu untersuchen, wie Sercambi von der ErzählungPürnabhadras hat Kenntnis erhalten können, sondern wie er zu derKenntnis dieser Version gekommen ist, und überdies müßten wir unsmit der Frage beschäftigen, wie es möglich geworden ist, daß derVerfasser des aufgefundenen Textes von dem Inhalt der indischenErzählung erfahren hat. Dasselbe gilt natürlich auch bei den andernerwähnten Parallelen, und so müßten in jedem einzelnen Falle, wennnicht eine Verbreitung auf literarischem Wege angenommen werdensollte, desto mehr Zwischenglieder gefunden werden, je größer derzeitliche und der räumliche Abstand der Jüngern Erzählung von <eraltern ist. Da wir nun auf eine solche Häufung von Funden nichtrechnen dürfen, da also in all diesen Fällen der Großanteil an derVerbreitung nicht nur jetzt der mündlichen Übertragung zuzuschreibenist, sondern wahrscheinlich auch für alle Zukunft zuzuschreiben seinwird, so ergibt sich, daß uns hier die Meinungsverschiedenheit Aarnesund Krohns gleichgültig sein kann.
Versuchen wir nun, aus Krohns sonstigenDarlegungen herauszuholen,was sich für uns holen läßt, so kommen wir zu folgenden Feststellungen:Der Ausgangs- und der Endpunkt der Verbreitung oder der Wanderungsind uns jeweils bekannt, ebenso das Entstehungsgebiet. Als Durch-zugsländer kommen bei den in Italien endenden Märlein weitererHerkunft Persien, Kleinasien, Nordafrika, Sizilien, vielleicht auchSpanien und Frankreich in Betracht; bei dem aus arabischer Quellestammenden*) fällt natürlich Persien weg. Ebenso kann der ersteTeil der Wanderung der Erzählungsstoffe nach Deutschland vor sichgegangen sein, aber hier ist auch der Weg über die Balkan-Halbinselmöglich, der übrigens auch für die Wanderung nach Italien nichtbedingungslos ausgeschlossen ist, und schließlich können wir Persienund Kleinasien als Überschwemmungsgebiete der indischen Märchen-ströme, Nordafrika und Spanien als solche der arabischen bezeichnen.Mit alldem aber sind wir unserm Ziele, über die Art der VerbreitungKlarheit zu gewinnen, nicht um einen Schritt näher gekommen,und ebensowenig würden wir bei einer Suche nach den Wegen gewinnen,die die Kultur eingeschlagen hat, auch wenn wir darunter nicht dieZurückdrängung des Islams aus Sizilien und Spanien, sondern seine
*) Daß dieses, nämlich die Rahmenerzählung von Taxisendundeiner Nacht,durchwegs auf Motiven indischer Herkunft beruht, ist bei dieser Erwägung belang-los, weil wir hier nur die Wanderung des fertigen Märleins und nicht dessen Ent-stehung zu betrachten haben; über diese s. mein Märchen des Mittelalters, 185 f.