Mittelalterliche Parallelen zu der Rahmenerzählung von iooi Nacht. 169
Kaum zweihundert Jahre nach dem Abschluß des Paiicakyänakahat Giovanni Sercambi (1347— 1 4 2 4) m seiner Vaterstadt Lucca eineErzählung niedergeschrieben (Novelle inedite," ed. R. Renier, 1889,307 f.), deren Inhalt, soweit er uns hier angeht, so ist: Ein aus Gethse-mane stammender Jüngling, der von einem Drachen die Gabe erhaltenhat, die Sprachen aller Tiere zu verstehen, erbietet sich, die Tochterdes Königs von Zypern, die einen Frosch im Leibe hat, zu heilen. Beieinem Spaziergange mit ihr hört er, wie der Frosch in ihrem Leibezu quaken beginnt und ihm die Frösche im Stadtgraben antworten.Diese tadeln ihn, daß er in dem Körper bleibe, während sie es sichim Freien und im Wasser gut geschehen ließen, worauf er ihnen ant-wortet, er habe sein gutes Essen und als Getränk Milch, während sienicht nur in dieser Hinsicht schlecht daran seien, sondern auch immerauf der Hut vor den Schlangen sein müßten. Darauf die Frösche:„Wenn der König wüßte, was wir wissen, so würdest du keine Stundemehr dort bleiben dürfen." Der Jüngling, der alles gehört hat, tut wiedie Frösche gesagt haben, die Jungfrau wird gesund, und er erhältsie zur Gattin. .
Leider erfahren wir nicht auch das Mittel, den Frosch zu töten,aber trotz dieser Lücke in der Darstellung, die vielleicht dem Kopistender Handschrift zur Last gelegt werden darf, und obwohl es sich in demindischen Märlein um Schlangen handelt und obwohl es dort anstatteiner Prinzessin, die ein Freier heilt, ein Prinz ist, den seine Gattinrettet, so ist doch des Gemeinsamen so viel — man denke an das bishernur in dieser Verbindung bekannte Motiv von dem belauschten Ge-spräche eines in einem menschlichen Leibe steckenden und diesen ver-derbenden Tiers mit seinen Artgenossen —, daß ein Zusammenhangzwischen der Novelle Sercambis und der durch die Erzählung Pürna-bhadras vertretenen indischen Gruppe*) nicht bezweifelt werden kann.
Derselbe Sercambi hat auch eine Novelle verfaßt, die eine Parallelezu der Rahmenerzählung von Tausendundeiner Nacht darstellt (deutschwiedergegeben als erstes der Märchen des Mittelalters); aus dieseraber oder aus den Sieben Wesiren kehrt der Zug der von dem Eifer-süchtigen in einer Truhe mitgeführten Gattin schon in HeinrichFrauenlobs Gedicht Das weip in der kiste wieder (s. Bolte in der Zeit-schrift d. Ver. f. Volksk., XV, 229), und nur ein paar Jahre später,immerhin noch lange vor Sercambi ist eine andere Episode der Rahmen-erzählung, nämlich die Hingabe der schönen Königin an einen abscheu-lichen Kerl, verquickt mit dem auch in der Suksaptati in ähnlicherVerbindung vorkommenden Motiv des Mannes, der Blumen lacht,von Heinrich von Neustadt einem Gedichte eingefügt worden (UnlandsSehr., III, 421, 513 f.). Solche unleugbare Zusammenhänge lassensich noch bei zahlreichen Erzeugnissen der orientalischen und dereuropäischen Literaturen aufzeigen, und um langatmige Erörterungen,die zumeist Inhaltsangaben erfordern würden, zu vermeiden, sei nurnoch an den Vergleich erinnert, den wir zwischen dem 13. Märchen derBrüder Grimm und einem Märlein des Kathäkosa durchgeführt haben.
*) Die Fassung Pürnabhadras oder ihre Quelle steht der italienischenNovelle am nächsten; über die andern, durchwegs spätem indischen Versionenvgl. meine Märchen des Mittelalters, 205.