l68 Eine mittelalterliche Erzählung und ihre indische Quelle.
Rückwanderung auf der ganzen Linie unwahrscheinlich (133). DieVerbreitungswege der „Volksüberlieferungen" stimmen in der Mehr-zahl der Fälle mit den allgemeinen Wegen der Kultur überein, aber„eine Austauschkette von Märchen zwischen Indern, Persern, Türken,Griechen, Bulgaren, Rumänen, Ungarn, Deutschen, Dänen, Schwedenbis zu den Finnen, die auch durch Vermittlung der Großrussen mit denBulgaren in Verbindung stehen, würde keineswegs mit einer fortlau-fenden Reihe der Kulturgrade dieser Völker übereinstimmen. DerAustausch der Märchen in Europa ist auf dem Boden einer bereitsverbreiteten Kultur zwischen kulturell gleichstehenden Schichtenverschiedener Völker in geographischer Ordnung vor sich gegangen"(135 f.). „In den zwei am meisten hervortretenden Ausgangspunktenunserer Märchen, in Indien und im mittelalterlichen Westeuropa, isteine außergewöhnliche Kultur der Phantasie, die für alle Völker undZeiten anziehende Schöpfungen hervorbringen konnte, vorauszusetzen.Ihre Märchengebilde müssen auch einen gewissen Wanderdrang be-sessen haben, der mit dem der indischen Zigeuner und der westeuro-päischen Kreuzfahrer verglichen werden könnte" (137).
Die Darlegungen Krohns sind zwar reicher als die Aarnes, abersie nützen uns, mit Ausnahme jenes Eingeständnisses, nicht viel.Wesentlich ist, daß sie, auch wenn sie der Literatur ausnahmsweisezu geben scheinen, was diese beanspruchen darf, doch durchaus geo-graphisch bleiben. Sie nehmen ja als Hauptvehikel des wanderndenMärchens die Literatur an, aber wie man sich diese Märchenreise etwavon Indien oder von Frankreich nach Finnland zu denken hätte, wiesich das Märchen auf dem Wege von seiner Heimat zu dem Endpunkteder Fahrt verhalten haben soll, wird nicht gesagt, und gerade dasist der springende Punkt.
Versuchen wir es, dem Problem mit den Mitteln der Induktion,die uns bis hieher geholfen haben, näher zu kommen, indem wir siewieder an einigen Beispielen erproben.
In dem von Kosegarten so genannten Textus ornatior des Pafi-catantra, der nach Hertel in dem Jahre 1199 von den Jaina Pürnabhadraverfaßt worden ist (Paficakhyänaka), aber wohl auf eine einige Dezen-nien ältere Rezension des Pancatantra zurückgeht, hat das 11. Märleindes III. Buches (Benfey, II, 256; R. Schmidt, 1901, 229) folgendenwesentlichen Inhalt: Ein Königssohn hat eine Schlange im Leibeund kommt so von Tag zu Tag mehr herunter; einmal aber kriechtdie Schlange, als der Prinz im Freien schläft, in seinen Mund herauf,um Luft zu schöpfen, und dabei wird sie von einer andern Schlangeerblickt, die aus dem Ameisenhaufen hervorkommt, auf den der Prinzsein Haupt gelegt hat. Die zweite Schlange überschüttet die erstemit Vorwürfen, daß sie den schönen Prinzen peinige, worauf ihr diesevorhält, daß sie in dem Haufen zwei Töpfe mit Gold verberge. Schließlichbedauert die Schlange draußen, daß niemand wisse, daß die im Leibedurch einen soundso zubereiteten Trank den Tod finden würde, unddiese wieder bedauert die allgemeine Unkenntnis, daß die andere durchheißes öl oder Wasser getötet werden könnte. Die Gattin des Prinzen,die das Gespräch ungesehen angehört hat, tut nach den Worten der zweiSchlangen, so daß der Prinz nicht nur gesund, sondern auch reich wird.