Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
167
Einzelbild herunterladen
 

Die Verbreitung durch den Volksmund. 167

schaffen über die Wege seiner Verbreitung, über die Wege, die es beiseiner Wanderung eingeschlagen hat. Natürlich gibt Aarne zu (18),daß sich die Märchen nicht nur durch die mündliche Erzählung, sondernauch durch die Literatur haben verbreiten können (und wohl auchnoch verbreiten können), und in dieser Hinsicht erkennt er sogar (19)Büchern wie Tausendundeiner Nacht und der Grimmschen Sammlungeinige Wichtigkeit zu, freilich nur, um fortzufahren:Eine größereBedeutung aber hat die Literatur für die Verbreitung der Märchennicht gehabt", und:vor der Einführung der Buchdruckerkunst mußihr Einfluß sehr unbedeutend gewesen sein"; so versteht man denn,daß er (19) zu der These kommt:Die Verbreitung der Märchen hatdurch Jahrhunderte hindurch stattgefunden und geschieht noch jetztin erster Linie auf mündlichem Wege", die er durch folgende Sätzestützen will:Die Märchen wandern im Volke so leicht, und sie hän-gen nicht von der Verschiedenheit der Sprachen ab. Die Sprachgrenzebringt das Wandern der metrischen Erzeugnisse des Volksgeisteszum Stehen oder erschwert es wenigstens sehr, aber das Wanderndes ungebundenen Märchens hindert sie kaum. Für die Verbreitungder Märchen bedarf es nur des gegenseitigen Verkehrs der Individuenund der Völker. Ebenso wie sie in einunddemselben Volke von einerPersönlichkeit zur andern übergehen, ebenso bringt der nähere Verkehrzwischen den Völkern sie von einem Volke zum andern."

Krohn, der ja, wie wir gesehen haben, schon das Kriterium dervollkommenen Urform nur auf diewohlproportionierten und ab-geschlossenen Phantasiegebilde", d. i. auf dieinternationalen Märchender Kulturvölker" angewandt wissen will, ergänzt und erläutert dies,bevor er auf das Thema der Wanderung eingeht, durch folgende Sätze(129):Im großen und ganzen können wir behaupten, daß die inter-nationalen Volksüberlieferungen, mit denen sich die vergleichendefolkloristische Forschung hauptsächlich beschäftigt, nicht sämtlichenNationen der Welt, sondern bloß den Kulturvölkern der alten Weltteileund den von ihnen beeinflußten Völkern gemeinsam sind." Wir wollennicht neuerdings erörtern, wie durch solche Feststellungen eines ihrerGroßmeister die finnische Methode ad absurdum geführt wird, könnenaber das Vergnügen nicht verbergen, das wir empfinden, wenn wü-schen, daß solchermaßen Krohn auch in anderer Beziehung von Aarneabzurücken gezwungen ist; das geschieht, indem er trotz der Ver-achtung der literarischen Varianten", die ansonsten bei ihm ebensogroß, wenn nicht größer ist als bei Arne, die Aarnesche Rangordnungder Literatur und des Volksmunds umstößt (131):Die HypotheseBenfeys von der Verbreitung vieler Märchen nicht bloß auf literarischemWege, sondern auch durch den Volksmund aus Indien ist keine vageVermutung mehr, sondern eine mehrfach bestätigte Tatsache." Desweitern unterscheidet Krohn neben den Entstehungsgebieten derMärchen, als die er außer Indien berechtigterweise auch andere Länderzuläßt, Endpunkte, im Norden z. B. Finnland, und Durchgangsländer,in diesem Falle Rußland. In Durchgangsländern können zwar mitgroßer Wahrscheinlichkeit zwei entgegengesetzte Strömungen an-genommen werden (132), aber es gibt auch Überschwemmungsgebiete,wo die Strömung bloß in einer Richtung gegangen ist, und da ist eine