Die Verteilung eines Kadavers an Tiere. ■— Das Leben im Ei. 165
Legends, 1921, II, 352), weiter bei Chavannes, II, 267, n° 337bis undbei Schiefner-Ralston, Tibetan Tales, 1906, 332, n° 39 steht und andem Stupa von Bharhut dargestellt ist (E. Hultzsch in der Zeitschr.d. D. Morgenl. Ges., XL, 61), also noch in die vorchristliche Zeithinaufreicht, hat folgenden Inhalt: Zwei Fischottern, Ghambiracarlund Anutiracarl mit Namen, d. i. der in der Tiefe Gehende und deram Ufer Gehende, haben einen großen Fisch gefangen und getötet;da sie sich über die Teilung nicht einigen können, nehmen sie einenvon ungefähr vorbeikommenden Schakal zum Schiedsrichter, unddieser gibt folgenden Spruch ab: Den Schwanz dem am Ufer Gehenden,den Kopf dem in der Tiefe Gehenden und das Mittelstück dem Schieds-richter. Dieses Märlein ist aber nicht nur die älteste Fassung jenerMärlein-Gruppe, die durch La Fontaines Fabel L'huttre et les plaideurscharakterisiert wird, sondern bietet auch, wenn man von der Eigen-nützigkeit des Schiedsrichters absieht, die älteste Parallele zu demZuge, daß der Held einen Tierkadaver unter die darum streitendenTiere verteilt*). In Europa findet sich dieses Motiv zuerst in dem4. Märchen der 3. Nacht bei Straparola: Fortunio teilt einen Fischunter dem Wolf, dem Adler und der Ameise, indem er dem Wolf alseinem gefräßigen und wohl mit Zähnen versehenen Tier alle Knochensamt dem magern Fleisch zuteilt, dem zahnlosen Adler die Ein-geweide und das das Fleisch um die Knochen umgebende Fett und derkörneressenden, flinken Ameise das Gehirn; dafür begabt ihn jedesTier mit der Fähigkeit, seine Gestalt anzunehmen. Diese Episodekommt noch in mehrern Märchengeschichten vor, die bei Bolte-Polivka,III, 322 f. samt dem Märchen Straparolas zu Grimm, n° 181 ver-zeichnet sind; öfter aber findet sie sich neben andern Einkleidungen(ebendort, II, 22 n.) in volksmündlichen Varianten des Märchens,dessen Hauptzug das in einem Ei, einem Vogel, einem Kästchen usw.verborgene Leben des Unholds ist (s. ebendort, III, 434 f.). Welchemdieser Märchen soll sie nun ursprünglich angehört haben ?
Das soeben erwähnte Motiv von dem in einem Ei verborgenenLeben des Unholds ist, wie wir von Krohn (28) erfahren, „im folk-loristischen Seminar zu Helsingfors näher untersucht worden, und eshat sich herausgestellt, daß es ursprünglich mit dem Motiv derdankbaren Tiere, welche dem Helden das Ei erbeuten helfen, zusammen-hängt ; daß es mehr oder weniger zufällig auch in anderm Zusammenhangerscheint, beruht auf dem Einfluß des genannten Motivkomplexes."
Wir dürfen wohl annehmen, daß das Helsingforser Seminar alledie bei Frazer, XI, 95—152 und bei Bolte-Polivka, III, 434—439angeführten Märchen und Märchengeschichten mit all der Sorgfalt,die die heimische Forschungsmethode verlangt, untersucht und auchdas dort genannte allerdings „weniger zuverlässige" literarischeMaterial, obwohl gesondert, so doch gebührend beachtet hat. DieHerren haben also wohl auch das Märlein der Fäkihat al-chulafä,das zu dem Märchen von den Beiden Wanderern gehört (Chauvin, II,
*) Um ein erst zu tötendes Lamm handelt es sich in einem Exempel Jakobsvon Vitry, das sonst auf der 5. Fabel des Romulus beruht, in diesem Zuge aberwohl eine orientalische Beeinflussung aufweist (Exempla, herausg. v. J. Greve,1914, 8 f., n° 5, herausg. v. G. Frenken, 1914, 100, n° 6).