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Versuch einer Theorie des Märchens
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164 Der Streit um Wunschdinge. Der Schiedsrichter als lachender Dritter.

verlangt die Vollendung ihres Gespinstes. Welchem dieser drei Märchensoll nun dieser eigentümliche Zug eigentümlich sein ? Sicherlich gehörter bei keinem zu dem, was man die Urform oder die Grundform nennenkönnte, sondern ursprünglich führt er als weitverbreiteter Schwankeine selbständige Existenz, und zu den drei Märchen, wie wir sie jetztkennen, gelangen wir sehr gut, indem wir eine freilich nicht willkürliche,sondern gewollte Verbindung dieses Motivs mit den übrigen, also das,was wir Zubereitung nennen, voraussetzen.

Das Motiv wieder, daß der Held drei Wunschdinge den um siestreitenden Erben wegnimmt, verzeichnen Bolte-Polivka, II, 331 zuden Grimmschen Märchen 54, 93, 133, 193 (hieher gehören auch dieII, 334 aus Tausendundeiner Nacht zitierten Erzählungen) und 197,und die Nachweisungen von Märchen, die außerhalb dieser Gruppenstehen, füllen noch mehr als drei Seiten; wir stellen dazu fest, daßes sich auch in einigen Varianten des 60. (122.) Grimmschen Märchensfindet, darunter ein paar indischen (Hertel, Päla und Gopäla, 60, 64),weiter in dem persischen und dem türkischen Tuti-Nameh (Zeitschr.d. D. Morgenl. Ges., XXI, 544 f.; Rosen, II, 252 f., 256 f.), derenVersionen wie die des Bahar-Danuä (II, 250 f., III, 197 f.) zu demMärlein von dem Könige gehören, der in den Leib eines Tiers ein-gehen kann, und schließlich in dem King ji siang, einem im Jahre516 aus buddhistischen Schriften gemachten chinesischen Auszuge(Chavannes, III, 258, n° 470; s. Wesselski im Arch. Orient., I, 82),dessen Fassung die älteste Form des Märchens darstellt, das bei denGrimm als n° 126 erscheint. Welches wäre nun das bestimmte Märchen,in dem dieser Zug oder diese Episode ursprünglich ihren Platz gehabtund aus dem sie sich gelöst hätte, um nicht nur in die andern ebengenannten Märchen, sondern auch in das Märlein einzugehen, das,allen andern unähnlich, in dem Kathäsaritsägara steht (Tawney, I, n f.),oder um für sich allein eine Erzählung zu bilden wie in seinem ältestenVorkommen, das wir kennen, dem in dem schon erwähnten Po king(Chavannes, II, 185, n° 277; Wesselski, Das lachende Buch, 1914,161, n° 79) ? Und welches Märchen hätte schließlich die sicherlichorthodoxe sonderbare Legende (z. B. bei Wuk St. Karadschitsch,Volksmärchen der Serben, 1854, 236, n° 43) befruchtet, deren Held,der allweise Salomo, die Teufel, die bei der Teilung eines Fundes,nämlich des Stabs, des Käppchens und des Meßgewands des hl.Johannes, in Streit geraten sind und ihn als Schlichter anrufen, durchdas mit dem Stabe gemachte Kreuzeszeichen vertreibt, so daß die dreiReliquien ihm verbleiben ? Läßt sich nicht eher aus dieser Legendeund aus der ältesten Form, in der das Motiv auftritt, eine Erzählungerschließen, die gerade so selbständig gewesen ist, wie die von demSchiedsrichter, der sich den umstrittenen Gegenstand oder dessenbesten Teil selber nimmt, so daß die Streitenden mit langer Naseabziehen müssen ?

Die älteste Geschichte dieser Art, die wir kennen, die Vergangen-heits-Erzählung des 400. Jätaka, die auch in dem von E. WatsonBurlingame herausgegebenen Dhammapada-Kommentar*) (Buddhist

*) Dieser bringt auch die Gegenwartserzählung, die, wie so oft, eine Parallelezu der der Vergangenheit enthält.