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Versuch einer Theorie des Märchens
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IÖ2 Das Motiv der zur Wahrheit werdenden Lüge.

Mädchen ohne Hände, die der Einwirkung einer wohl indischen Traditionunterlegen sind, doch nicht einfach mit solchen Hinweisen abtuen zudürfen; wir wollen den Anhängern dervergleichenden folkloristischenForschung" auch nicht zeitweilig die Möglichkeit lassen, zu behaupten,gerade durch diese Beispiele werde bewiesen, daß derlei Dinge, derenursprüngliche Existenz außerhalb der Volkserzählungen sie zugebenwürden, als Märchenzüge eben nur in Märchen dieser bestimmtenGattung vorkämen und vorkommen könnten. Loyalerweise wollenwir auch zu unsern Darlegungen nicht Allerweltsmotive heranziehen,wie etwa die verliebte Stiefmutter oder die Liebe durch ein Traum-gesicht oder die mißglückte Nachahmung oder den Uria-Auftrag, dievielleicht Aarne, hätte man ihn auf die Tragweite seiner These auf-merksam gemacht, durch eine Einschränkung ausgeschlossen hätte.In dem 165. der Grimmschen Märchen ziehen nacheinander dreiBrüder aus, um der kranken Königstochter, die durch den Genußvon Äpfeln gesund werden soll, solche zu bringen. Allen dreien begegnetein Männlein und fragt sie, was sie in ihrem Korbe haben; den zweialtern, die dem Männlein aus Übermut antworten, sie hätten Frosch-leich oder Sauborsten drinnen, worauf das Männlein sagt, das solleso sein und bleiben, verwandeln sich die Äpfel wirklich in diese Dinge,so daß sie vor dem Könige beschämt dastehen, während der Jüngsteusw., usw. Dieses Motiv nun, das in einer ganzen Reihe von Variantendes Märchens wiederkehrt, ist dasselbe wie das, auf dem eine Erzählungbei Gregor von Tours (De gloria confessorum, c. 111; Patrol. lat.,LXXI, 909) folgenden Inhalts beruht: In einem Seehafen bittet einarmer Greis einen Schiffsherrn um ein Almosen und erhält den Bescheid:Pack dich; wir haben hier nichts als Steine." Darauf der Bettler:Wenn du es Steine nennst, so sollen es Steine sein", und schon istalles in dem Schiff in Stein verwandelt. Und Gregor sagt, er habeselbst Datteln und Oliven gesehen, härter als Marmor. Dieses Märleinist nicht nur in die Chronik Sigeberts von Gembloux und in die Annalendes Kardinals Baronius übergegangen, weiter in das Alphabetumnarrationum und andere Exempelsammlungen (Catalogue of Romances,III, 437 und 663), sondern natürlich auch sonst nachgeahmt worden:um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sagt Georg Stengel (Deiud. div., 1. IV, c. 9, § 7; IV, 91), nachdem er es wiedergegeben hat,solche Dinge habe er an verschiedenen Orten gesehen, und erwähnt eineinem Bettler verweigertes, nun versteinertes Brot, das in der Leonhards-kirche bei Aichach in Bayern aufbewahrt werde; die 241. der GrimmschenSagen wieder berichtet von einem Mönche inDanzig, der bei einerTeuerungeiner Bettlerin sagte, das Brot, das er im Busen stecken hatte, sei ein Stein,um die Hunde damit zu werfen: als er es dann essen wollte, hatte essich wirklich in einen Stein verwandelt. In einem nur handschriftlicherhaltenen Liber de infantia Salvatoris (R. Reinsch, Die Pseudo-Evangelien von Jesu und Maria's Kindheit, 1879, 9 f.) fragt das Jesus-kind einen Bauer, der auf einem Acker bei dem Grabmal Rachelszwischen Jerusalem und Bethlehem Erbsen sät, was er säe, und erhältdie unwillige und spöttische Antwort:Steine." Darauf das Jesus-kind: ,,Du sprichst die Wahrheit; denn Steine sind es."Und nochheute", so schließt der Abschnitt,werden auf diesem Acker von fleißig