Die These von der Gebundenheit der Motive. *6l
von einem Geschehnis in der Wirklichkeit oder in der abergläubischenVorstellung und einem aus demselben Material gebauten wohl-proportionierten und abgeschlossenen Phantasiegebilde" erblicken (112);zu diesen wohlproportionierten und abgeschlossenen Phantasiegebildenrechnet er „die internationalen Märchen der Kulturvölker . . . , die,wie die formell und inhaltlich ausgebildeten Gesänge, in ihrer Gesamtheiteinem spätem, höhern Stadium der Volksdichtung angehören", und„für diese Erzählungen sowie die auf einer entsprechenden Höhestehenden epischen Volkslieder hat sich das Kriterium der Voll-kommenheit der ursprünglichen Komposition bisher bewährt." Diesist einerseits ein wertvolles Eingeständnis für die Richtigkeit unsersGedankenganges, der bei der Erzählung eines wirklichen oder ver-meintlichen Geschehnisses, bei der Geschichte, begonnen und uns überdie Sachliche Kunstform zu der Absoluten Kunstform geführt hat,enthält aber andererseits das Bekenntnis, daß die Sachliche Kunst-form für „die vergleichende folkloristische Forschung" noch nicht inBetracht kommt, daß aus ihr, damit diese Forschung einsetzen könne,erst eine zwar noch volksmündliche, aber schon Absolute Kunstformgeworden sein muß —■ besonders deutlich wird das durch die Paralleleder „formell und inhaltlich ausgebildeten Gesänge", der „auf einerentsprechenden Höhe stehenden epischen Volkslieder" —, daß alsobei einiger Konsequenz die „geographisch-historische Forschungs-methode" erst dort anfangen kann, wo schon der Hauptteil der wissen-schaftlichen Arbeit getan ist, und daß sie auch dann noch einerVoraussetzung bedarf, die wir als Arbeitshypothese bezeichnen können,über deren Zweckmäßigkeit aber — von Haltbarkeit gar nicht zureden — wir kein Wort mehr zu verlieren brauchen.
Die Annahme nun, auf der, wie wir gesehen haben, diese Methodeberuht, daß nämlich jedes Märchen (oder Märlein) schon ursprünglicheine feste Erzählung gewesen wäre, schließt ein auch nur eine kurzeZeit währendes selbständiges Leben der einzelnen Motive aus; aberlassen wir Aarne noch einmal das Wort (11): „Wenn man von derVoraussetzung ausginge, daß anfangs nur Erzählungsmotive existierthätten, die dann willkürlich miteinander verbunden wurden, welcheVerwirrung wäre die Folge ? Zu den Märchen, wie wir sie jetztkennen, gelangten wir auf diese Weise nicht." Solche Erwägungenführen schließlich Aarne zu der Aufstellung des Satzes (16): „JederZug und jede Episode haben ursprünglich ihren Platz in einembestimmten Märchen, aus dem sie sich bisweilen gelöst haben können,und in diesem Sinne ist von ihnen zu sprechen", und diese These istihm so bedeutungsvoll, daß er just aus ihr die ansonsten selbstver-ständliche Beobachtung erklärt: „Der nur in einem Märchen befind-liche Zug kann eher ursprünglich sein als der Zug, welcher sich auchanderswo findet" (47).
Wir glauben, diese These, so absurd sie auch klingen mag, wennman sich erinnert, was wir über die Tätigkeit der Märchenpflegergesagt haben — man denke an die Einführung der Leichenbestattungdurch das Kamel in mohammedanische Varianten des Schneewittchen-Märchens oder an die der Täuschung der geistlichen Berater durch denseine Tochter begehrenden Vater in Fassungen des Märleins von dem
11 Präger Deussche Studien, Heft 45.