IÖO K. Krohns Einschränkungen.
Gedanken von sich und übt zum Beweise diesen Wahrheitszwang:„Ich hatte das Gefühl, Prinz Schan-hing werde dort sein, wo ich dichtraf, und ich empfand Freude und Liebe, und an sonst dachte ichnichts; wenn das wirklich so ist, so soll eines deiner Augen werden,wie es früher war!" Und schon hat der Blinde an einem Auge dasGesicht wieder, und er sagt: „Du kluges Mädchen, ich bin Schan-hing;mein jüngerer Bruder Ngo-hing hat an mir eine schlechte Tat begangen."Die Prinzessin sagt: „Wie könnte ich wissen, daß du wirklich Schan-hing bist?", und er spricht das Wahrheitswort: „In dem Augenblicke,wo mir Ngo-hing die Augen ausstach, fühlte ich nicht den geringstenHaß gegen ihn; ist dieses Wort wahr, so möge mein andres Auge sowerden wie früher!" Und schon sieht er klar mit beiden Augen.*)Die Prinzessin führt ihn ihrem Vater zu, und der ordnet eine prächtigeHochzeitsfeier an; dann versorgt er seinen Eidam mit Truppen undPferden, damit er in sein Reich zurückkehre und Ngo-hing vertreibe,und Schan-hing wird auf den Thron seines Vaters gesetzt.
Ist nun dieses heute zumindest ein Dutzend Jahrhunderte alte,aber, da es zuerst schon in einer Übersetzung vorliegt, sicherlich nochaltere Märlein irgendwie unlogisch und unästhetisch? Sind denndiese Vögel, durch deren Belauschung der Blinde erfährt, wie er seinGesicht wiedererlangen, eine Stadt mit Wasser versorgen und dieHand einer Prinzessin erringen kann, gar so logisch, gar so ästhetisch,daß sie in der Ur- oder Grundform des Märchens von den zweiWanderern unbedingt eine Statt haben müßten ? Ist nicht dieseAnnahme gewaltsam und unlogisch gegenüber der von mir aufgestellten(Märchen des Mittelalters, 208), wonach das Märchen etwa folgender-maßen entstanden sein mag:
„Eine ursprünglich wohl indische Motivverbindung — guter undschlechter Bruder, Blendung des guten durch den schlechten, Wieder-herstellung des guten durch die Gerechtigkeit des Schicksals — hatbei ihrer Wanderung aus der Literatur in die Literatur einerseits denEinzelzug, daß die Träger der Handlung Brüder sind, verloren, anderer-seits die in Indien fremde Verbindung zweier Motive — Belauschungund mißglückte Nachahmung — aufgenommen. Der, der diese Ver-quickung zuerst durchgeführt hat, mag, mit Rücksicht auf denhebräischen Apolog von dem Juden und dem Heiden, ein Judegewesen sein, der das Übrige etwa durch eine persisch-arabische Ver-mittlung — leider ist noch kein Zwischenglied gefunden, das dieseAnsicht erheblich stützen würde — kennen gelernt hat."
Krohn selber aber kann schließlich als Kronzeuge für die Unhalt-barkeit seiner (und vorher Aarnes) Auffassung zitiert werden. Ineiner Polemik gegen Axel Olrik, der durchaus selbstverständlich eineEntwicklung aus anfänglich unklar Gedachtem und Durchdachtemannimmt, erkennt er „die unbeholfene Konstruktion der einheimischenErzählungen primitiver Völker" als unstreitbar an und will in diesenErzählungen „eine Übergangsform zwischen der schlichten Erzählung
*) Zu dieser Wiedergewinnung der beiden Augen durch zwei Betätigungendes Act of Truth vgl. das Sibi-Jätaka (n° 499; Jätakamälä, n° 2, ed. Speyer,1895, 8), zu dem Act of Truth überhaupt E. W. Burlingame, Journ. of the Roy.Asiat. Soc, 1917, 429 f. und A. Wesselski, Arch. Orient., II, 52 f.