Die „logische und ästhetische Einheit". 159
zu der Handlung desselben notwendig ist und kein andres Motiv ihmden Platz streitig machen kann, muß es von Anfang an aufgenommensein." Man greift sich an die Stirn, liest noch einmal, aber der Satzbleibt; die Stufen einer mehr als ein halbes Jahrtausend währendenEntwicklung — das älteste uns bekannte Märlein dieser Gruppe istim Jahre 710 aus dem Sanskrit ins Chinesische übertragen worden —kennen das Motiv der Belauschung überhaupt nicht; trotzdem wärees diese ganze Zeit und noch früher in den Märlein gewesen, und derGrundriß, den Christiansen aus sieben Episoden rekonstruieren will,darunter natürlich als Hauptepisode die Belauschung, „dieser Motiv-komplex muß mit einem Schlage in der Phantasie des ersten Erzählersentstanden sein, wenn überhaupt eine logische und ästhetische Einheitder Grundform existiert hat."
Ja warum soll denn die Grundform logisch und ästhetisch indem Sinne der Finnischen Schule gewesen sein müssen ? Wenn schon,im Notfall, die Gesetze der Logik allgemein und dauernd genanntwerden dürfen, was allerdings in diesem Falle nicht durchaus glaublicherscheint, sollen dann auch die Gesetze der Ästhetik heute in Europadieselben sein wie vor einem Jahrtausend in Indien ? Sehen wir unsübrigens einmal an, wie dieses bisher ältestes Märlein des Märchen-typs von den Beiden Wanderern ausgesehen hat:
Ein König von Väränasi (Benares) hat zwei Söhne: Schan-hing(Gut-Tat) und Ngo-hing (Schlecht-Tat) —im indischen Original vielleicht,wie im Kandschur, Ksemamkara und Päpamkara —, und ihre Namenentsprechen ihren Charakteren. Schan-hing wird von einem andernKönig als Gatte für seine Tochter verlangt, der Vater willigt ein, aberSchan-hing erklärt ihm, er wolle sie erst heimführen, bis er sich aufeiner Reise Schätze genug erworben habe, um seine Wohltaten ausEigenem üben zu können. Ngo-hing, der Böse, fürchtet, sein ältererBruder werde, wenn ihm seine Absicht gelinge, nur noch beliebterwerden und schließlich werde ihm der Vater die Nachfolgerschaft über-tragen; darum beschließt er, mit ihm zu reisen und ihn auf der Reisezu verderben. Bei einem Sturme, der einen Schiffbruch herbeiführt,rettet Schan-hing nicht nur sich, sondern auch Ngo-hing; dieser aberberaubt ihn, als sie ans Ufer gelangt sind, aller gewonnenen Kleinodeund sticht ihm die Augen aus. Der Geblendete kommt bettelnd —sein Bruder ist inzwischen König geworden — in die Hauptstadt desKönigs, mit dessen Tochter er versprochen ist; diese wird eben vonihrem Vater gedrängt, sich zu vermählen, da ihr Verlobter tot sei,und sie verlangt, daß ihr der Vater die Wahl lasse unter den Männernseines und der andern Reiche. Als sie nun die Reihen der Zehn-tausende von Bewerbern durchschreitet, sieht und hört sie von ungefährden abseits stehenden Schan-hing, der die Laute schlägt, und schonwirft sie ihm den Blütenkranz zu mit den Worten: „Dieser Mann wirdmein Gatte und Herr sein!" Natürlich tut der König alles, um sievon ihrem Willen abzubringen, aber sie bleibt standhaft: „Er ist es,den ich liebe." Und der König: „Wenn dem so ist, so geh zu ihm!"Als sie aber mit den Worten: „Du bist mein Gatte", zu dem Blindenhintritt, antwortet er ihr: „Rechnest du nicht etwa, daß dir meineBlindheit erlauben werde, mit andern zu buhlen?" Sie weist derlei