158 Die Zentral-Episode des Märleins von den beiden Wanderern.
Detail zu Detail ihre Varianten untereinander vergleichend fort-schreitet", nach Aarne jedoch, indem der Forscher bestrebt ist, „durchdie Vergleichung der Märchenvarianten die Schicksale des Märchensrückwärts zu verfolgen und die Erzählung von allem zu reinigen, wasspäter hinzugekommen ist." Da dabei beide, Aarne sowohl auch alsKrohn, wie es ihre Theorie verlangt, von den volkstümlichen oder,wie wir sagen, von den volksmündlichen Geschichten der Gegenwartoder einer nicht allzu fernen Vergangenheit ausgehen wollen, so kannin der Fassung Krohns nur eine Umschreibung der Aarneschen gesehenwerden, die allerdings, da sie auf die Betonung der Verpflichtung desReinigens verzichtet, nicht gerade glücklich zu nennen ist./ Die Auffassung, „daß die Märchen nicht immer so gewesen sind,
wie sie heutzutage vorkommen, sondern daß ursprünglich im fernenAltertum nur einzelne Märchenzüge, sogenannte Märchenmotive existierthaben, die sich dann durch ziemlich willkürliche Mischung und Ver-bindung zu Ganzen, zu Märchen geformt haben", leitet Aarne (11)„von mangelhaftem Vertrautsein mit dem Märchen" her; „zu denMärchen, wie wir sie jetzt kennen, gelangten wir auf diese Weisenicht." Krohn scheint noch weiter zu gehen, indem er sagt (in):„Die Grundform einer Überlieferung ... ist keine abstrakte undschematische Formel, sondern ein alle zugehörigen Einzelzüge ent-haltenes fertiges Gebilde"; da nun jeder Gegenstand alles, was ihmzugehörig ist, enthält, so kann Krohn bei den zugehörigen Einzel-zügen nicht an dies Gebilde oder die Grundform, sondern muß an dieÜberlieferung gedacht haben, das heißt, an die Märchen der Gegen-wart, und das stimmt wieder zu der „Ungeheuern Stabilität", weshalbdenn trotz der, wie es scheint, gewollten Unklarheit als KrohnsAnsicht festgestellt werden kann, es müßten sich, wenn schon nichtalle, so doch die wesentlichsten Motive eines Märchens von heute schonin der Grundform vorfinden. Dies bestätigt denn auch die Literaturder Finnischen Schule.
In der vorhin erwähnten Studie The Tale of the Two Travellersor The Blinded Man (FF Comm. n° 24) will R. Th. Christiansen dieZentralepisode der ihm bekannten indischen, dann auch der andernAufzeichnungen des Märchens und schließlich auch der Grundformin dem Zuge erkennen, daß ein Blinder (oder Krüppel usw.) ein ihm(oder andern) wichtiges Geheimnis durch das Belauschen von Wesendieser oder jener Gattung erfährt (117 f.). Demgegenüber habe ich(Märchen des Mittelalters, 202 f.) nachgewiesen, daß sich dieser Zugin keiner der alten indischen Versionen, aber auch noch in den Heftpeiker des persischen Dichters Nizämi nicht findet, daß er nicht einmalnoch in dem sogenannten Südlichen Textus amplior des Paficatantravorkommt und daß das erste ihn enthaltende Märlein, das diesemMärchen parallel ist, übrigens ein hebräisches, aus dem dreizehntenJahrhundert stammt; trotzdem wiederholt Krohn in einer Antikritik(Neuphilol. Mitt., XXVI, in f.) den Satz: „Das Motiv der Belauschung. . . nimmt . . . eine zentrale Stellung im Märchen ein", und dieBegründung gibt der Nebensatz: „wie aus der Masse der mündlichenVarianten ersichtlich ist"; und weiter stellt er die Behauptung auf:„Bei der Bildung unseres Märchens ist es vorhanden gewesen. Da es