I56 Andersons Beweisversuche.
Schuhen, die auch auf literarische Quellen zurückgehen, deren münd-liche Versionen aber doch zumeist ein längeres Wirken der Traditionvoraussetzen, hätte Anderson dieses ganze Kapitel nicht veröffent-lichen können, ohne beizufügen, daß die „ungeheuere Stabilität" indiesen Fällen einem Durcheinander der ärgsten Art gewichen ist.
Das, was der aus dem Anfange jenes Kapitels zitierten Stellefolgt, nämlich die Beantwortung der Frage: „Wodurch ist dieseunglaubliche Stabilität zu erklären?" — wir dürfen leider das Wort„unglaublich" nicht als eine Konzession an unsere Auffassung betrach-ten —, diese Beantwortung einer Frage, die eine Hypothese als Axiomerscheinen lassen will, zeigt sich denn auch als eine Konstruktion vonsolcher Hinfälligkeit, daß es sich nicht lohnt, ein paar Seiten daranzu verschwenden; immerhin sei für die, die diesen Band der FF Com-munications nicht zur Hand haben, als kennzeichnend angeführt:
Zu der Erklärung der diesmal „außergewöhnlichen Stabilität derVolkserzählungen" stellt Anderson (399) zwei Sätze auf: Der erstebesagt, „daß jeder Erzähler das betreffende Märchen (oder Schwank,Legende usw.) von seinem Vorgänger in der Regel nicht einmal, sondernmehrmals gehört hat", der zweite, „daß er es in der Regel nicht voneiner einzigen Person, sondern von einer ganzen Reihe Personen gehörthat (und zwar in verschiedenen Fassungen)". Um den ersten Satzzu stützen, führt Anderson aus, es komme oft vor, daß eine guteMärchenerzählerin einunddasselbe Märchen vor denselben Zuhörernwiederholt, wobei diese nicht nur keine Langeweile zeigen, sondernsie sogar verbessern, wenn sie sich eine Abweichung von dem gewohntenTexte erlaubt, weiter, daß man von Bekannten deren Lieblingsanek-doten immer wieder von neuem anhören muß und daß man selberwohl dieselbe Anekdote derselben Person mehrmals erzählt. Das allesmag zugegeben werden; aber daß damit die Behauptung, jeder Erzählerhabe das betreffende Märchen von seinem Vorgänger in der Regelnicht Einmal, sondern mehrmals gehört, einen andern Rang als deneiner Annahme bekommen hätte, daß damit etwas, das vielleicht alsAusnahme denkbar ist, als eine Regel bewiesen worden wäre, kanndoch wohl nicht zugegeben werden. Trotzdem fährt Anderson fort:„Etwas schwerer ist der zweite Satz zu beweisen." Hier begnügt ersich außer mit dem Hinweis auf die gewiß unleugbare Tatsache, daßman die sogenannten alten Witze von den verschiedensten Seitengehört hat, mit der Versicherung, er glaube nicht, „daß z. B. in einemDorf, in welchem es mehrere gute Märchenerzähler oder -erzählerinnengibt, die ganze Bevölkerung in eine Reihe festgeschlossener Zuhörer-kreise zerfällt, deren jeder sich um einen bestimmten Erzähler gruppiert,ohne die übrigen zu beachten, oder daß die Repertoires aller dieserErzähler keine gemeinsamen Stücke aufweisen." Ja würde denn soein Märchendorf, wenn es wirklich irgendwo ein solches gäbe, beweisen,daß der Erzähler — nicht der Hörer — seine Märchen in der Regelnicht von einer einzigen Person, sondern von mehrern und in verschie-denen Fassungen gehört hätte ? Und wären nicht sicherlich in vielgrößerer Zahl andere Dörfer zu finden, wo die gangbaren Märchen-sammlungen, bei uns Deutschen vor allen die von Grimm und Bech-stein, in mehrern Exemplaren vorhanden sind ? Darf denn die Wirkung