Kaiser und Abt (Das Hirtenbüblein). 155
Pferd behalten, aber was die Bienen zu tun gehabt hätten, hat derErzähler vergessen. 5 geht dann in eine Parallele zu dem 126. Grimm-schen Märchen über, wobei der Schuster die Rolle des Neidings spielt,während der Schneider alle Aufgaben mit Hilfe der dankbaren Tierelöst, in 18 ist das alles verdorben oder vergessen, und in 6 wird derSchneider Bürgermeister der von ihm mit Wasser versorgten Stadtund schließlich Gatte der Königstochter, die er geheilt hat. In 5kratzen die Galgenkrähen dem Schuster die Augen aus, in 6 wird ervon den drei Tieren zerrissen, und in 18 wird er von dem Schloßherrn,bei dem der Schneider Arbeit gefunden hat, weggejagt. — Ähnlicheanalytische Vergleiche könnten natürlich auch in den andern Gruppen,in die Christiansen die Märchen (und Märchengeschichten) geographischeinteilt, gezogen werden, aber Verschiedenheiten würden sich genauso oder in noch höherm Maße zeigen, und so können wir feststellen,daß die Tenacity of tradition, die Christiansen aus seinen Märchen-geschichten ableiten will, alles eher als wonderful genannt werden darf.Vorsichtiger als Christiansen ist in diesem Punkte Anderson, derin der erwähnten Abhandlung an der Spitze eines Kapitels einfachsagt (397): „Ein Forscher, welcher zum erstenmal an das Studiumder Volkserzählungen: Märchen, Schwanke, Legenden usw. herantritt,wird am meisten von der ungeheuren Stabiütät dieser Erzeugnissedes Volksgeistes überrascht. Auf Schritt und Tritt nimmt er wahr,daß lange und komplizierte Erzählungen viele Jahrhunderte durch-leben und sich von Mund zu Mund fast über den ganzen Erdball ver-breiten, ohne auf ihrem Wege auch nur irgendwelche erhebliche Ver-änderungen zu erleiden"; er läßt sich auf keinen Beweis dieses kühnenSatzes ein, ja gibt nicht einmal Beispiele, sondern zitiert in einerFußnote die oben angeführte Behauptung aus Aarnes Leitfaden. Späteraber erwähnt er in diesem Zusammenhange anstatt „langer und kom-plizierter Erzählungen" das kurze und durchaus nicht verwickelteMärlein, das er in diesem Buche untersucht, und so ist auch bei ihmeine Probe nicht zu umgehen. Wieder wählen wir die deutschen Ver-sionen, deren er 57 aufzählt, und, siehe da: in allen 57 ist vollständigeGleichheit — wir müßten uns natürlich mit der sachlichen Gleichheitzufrieden geben ■— nicht ein einziges Mal zu finden; stimmen einmaldie zu beantwortenden Fragen, so sind die Personen andere — einUmstand, auf den Anderson später großes Gewicht legt —, und dieFragen sind in den 16 Fällen, wo sie von einem Könige oder Kaisereinem Priester gestellt und von einem Hirten gelöst werden, nichtin zwei Fassungen identisch, wie es denn auch in den. 6 Fällen zutrifft,wo für einen Abt ein Hirt einem Könige oder Kaiser oder Kurfürstenantwortet usw. Dabei wäre, wenn die These von der „UngeheuernStabilität dieser Erzeugnisse des Volksgeistes" überhaupt an einemMärlein oder Märchen bewiesen werden könnte, vor allen andern geradedieses dazu berufen gewesen, das seit mehr als hundert Jahren unserndeutschen Kindern vertraut ist, wie kein andres, freilich nicht so sehrals Erzeugnis des Volksgeistes, nämlich als Geschichte, als zur Ein-fachen Form gesunkenes Märlein, wie als Erzeugnis der Literatur.In einer Untersuchung von Märchen, wie beispielsweise dem vonFerenand getrü und Ferenand ungetrü oder dem von den Zertanzten