154 Die beiden Wanderer.
(7), die Grimmsche „Herleitung der Märchen von ihrem ersten Ursprungaus der Urheimat der arischen Völker" reiche keineswegs hin, „dieÜbereinstimmung zu erklären, die zwischen den Märchen der ver-schiedenen Länder besteht", und fährt fort: „Wenn diese Überein-stimmung in dieser Weise entstanden wäre, würde sie sich in keinemFalle weiter als auf den Grundgedanken oder die Hauptzüge derErzählung erstrecken. Jetzt bemerkt man jedoch oft auch in denunbedeutendsten Nebenumständen Ähnlichkeiten, und die Zusammen-stellung langer, komplizierter Erzählungen ist in verschiedenen Länderndieselbe." Dieser Behauptung, die durch keinerlei Belege gestütztwird, hat dann R. Th. Christiansen in seiner Arbeit über das Märchenvon den Beiden Wanderern (FF Comm. n° 24, 4) eine neue Fassunggegeben: „... if we find a tale, as for instance this now before us,appearing again and again in more than three hundred records fromall ends of the world, and we see how curiously constant the traditionis, then just this wonderful tenacity of tradition gives us the rightof regarding the material so reliable that we may venture to builda research on them." Leider sprechen aber die Tatsachen, wie sieChristiansen selber feststellt, nicht im mindesten für diese Behauptung.Vergleichen wir z. B. die von ihm gegebenen Motiv-Formeln der 19deutschen Varianten, so finden wir darin nicht mehr als drei, diewenigstens so weit übereinstimmen, daß von einiger Ähnlichkeitgesprochen werden kann; es sind dies die Varianten 5 (Grimm, n° 107),6 (Wisser, Wat Grootmoder verteilt, II, 27 = Plattd. Vm., N. F., 270)und 18 (J. Jegerlehner, Sagen und Märchen aus dem Oberwallis, 1913,124), deren Formeln nach Christiansen so sind:
5: I Ai, CD3, II Aik, III A, VII, IV A, V AB2, F,6: I Ai, CDi, II A, III ACB, IV A, V ABl und
18: I Ai, CD, II Ar, III A, VII, IV A, V F.
Sieht man aber näher zu, so ergibt sich eine Übereinstimmungaller drei Fassungen nur in zwei Punkten, deren einer ist, daß es sichüberall um einen Schneider und einen Schuster handelt. Der Streitschon, wieviel Brot mitzunehmen sei, findet sich nur in 5 und 6, nichtaber in 18; dort teilt der Schuster, als der Schneider kein Brot mehrhat, das seinige mit ihm, und dann sticht er ihm, dessentwegen er nunwerde Hungers sterben müssen, die Augen aus, während in 5 und 6der Schneider seine Augen verkauft, worauf ihn der Schuster nocheine Weile führt. In 5 bleibt der Schneider unter einem Galgen liegen,in 6 unter einem Baume, in 18 in einem Gebüsch; dort belauscht erin 18 Vögel, in 6 einen Bären, einen Wolf und einen Greif, in 5 zweiKrähen, die den baumelnden armen Sündern auf den Köpfen sitzen.In allen drei Fassungen erfährt nun der Schneider, daß ihm der indieser Nacht fallende Tau das Gesicht werde wiedergeben können,in 6 aber auch, was man zu tun habe, um der nahen Stadt Wasserzu schaffen und allen Kranken Heilung zu bringen; dieses Plus von6 gleichen 5 und 18 aus, indem sie dem Schneider die Gelegenheitgeben, sich Tiere zu Dankbarkeit zu verpflichten: in 5 sind das einFüllen, ein Storch, Enten und Bienen, und die greifen denn auch allespäter in die Handlung ein; 18 hat davon nur die Bienen und das