Die angebliche Stabilität der volkstümlichen Erzählungen. 153
mündliche Geschichten meint; sie träfe aber den Nagel auf den Kopf,wenn er darunter alte Dokumente der Literatur verstünde. AnMärchen oder Märlein, von denen überhaupt keine literarische Fassungbekannt ist, mag ja die Finnische Schule ihre Methoden üben, weilda nur die Verbreitung in einer der Gegenwart nicht fernen Zeit inBetracht kommt; finden sich aber dann alte Texte, so muß das ganzeGebäude zusammenstürzen, wie ich es denn an der ansonsten durchauskritischen und vorsichtigen Arbeit von N. Andrejev über die Legendevon den zwei Erzsündern (FF Comm. n° 54) in, glaube ich, einwand-freier Weise nachgewiesen habe*). Von Rechts wegen müßte manalso dem Herrgott desto heißern Dank wissen, je mehr literarischeMärchen und Märlein aus je älterer Zeit vorhanden sind, und gesuchtmüßte vor allem in vertikaler und nicht in horizontaler Richtungwerden.
Aarne hat immerhin die literarischen Formen noch einigermaßengelten lassen: er sagt zwar (19): „Inbezug auf einzelne Märchen hatdie Forschung nachgewiesen, daß man in dem volkstümlichen Märchennichts oder sehr wenig von einem Einfluß der altern literarischenVarianten merkt', aber andererseits gibt er zu (21), daß die in derErinnerung des Volkes fortlebenden Märchen „in ihrer Art mit derLiteratur vergleichbare Erzeugnisse sind", und bei der Bestimmungdes Ortes, wo ein Märchen entstanden ist, findet er es (49) „am prak-tischsten, zuerst die altern literarischen Varianten durchzumustern,soviel deren bekannt sind"; sie seien ja nur „Beweismittel zweiterOrdnung", aber wenn sie alle in dieselbe Richtung wiesen, gewinneman damit „einen guten Leitfaden für seine Bestrebungen". Krohnjedoch, der Ältere und dennoch Hitzigere, der 1911 zu Anderson dieForderung, daß jeder Märchenforscher Literaturhistoriker sei, fürübertrieben erklärt und im weitern ausgeführt hat, „es genüge, wennsich der Märchenforscher bei einem Literaturhistoriker die notwendig-sten Daten über die ihn interessierenden Literaturdenkmäler hole"(Hess. Bl. f. Volksk., XXVIII, 208), will nicht einmal 1926 von demVerfahren, das Aarne vorschlägt, etwas wissen (46): „Vor allemsind ... die mündlichen, echten und wirklichen Variationen ... zu-sammenzubringen. Auch das literarische, weniger zuverlässige und nurzum Teil übereinstimmende Material muß, obwohl gesondert, bearbeitetund gebührend beachtet werden."**)
Diese Überschätzung der Geschichten, die „echt und wirklich"wären, zugunsten der „weniger zuverlässigen" in der Literatur erhal-tenen Märlein und Märchen könnte vielleicht zur Not begriffen werden,wenn man ihnen eine Eigenschaft zubilligen dürfte, die den literarischenDokumenten immanent ist, nämlich das Vermögen, in ihrem motivischenZustande, in dem, was wir Sachliche Kunstform genannt haben, zubeharren, und dies tut denn auch die Finnische Schule. Aarne meint
*) Siehe Arch. Orient., II, 39—53. Meine dortigen Darlegungen werdendurch eine Legende aus dem Nordwesten Marokkos erhärtet, die sowohl Andrejev,als auch mir unbekannt gewesen ist; sie ist nach den Archives marocaines, VIabgedruckt bei P. Saintyves, Essais de folklore biblique, 1923, 78.
**) Eine Seite vorher betrachtet es Krohn als Gebot der Vorsicht, daß beider Behandlung der volkstümlichen Varianten der Polyphem-Sage „der möglicheliterarische Einfluß der Homerischen Fassung" genau erwogen werde.