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Versuch einer Theorie des Märchens
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152 Die Methoden der Literaturwissenschaft.

In der Disciplina clericalis nun, verfaßt von dem Rabbi MoseSephardi, der bei seiner Taufe am 1. Jänner 1106, wo ihm KönigAlfons I, von Aragonien Pate stand, den Namen Petrus Alfonsierhalten hat, sind es zwei Exempel, wo ein Philosoph eine ähnlicheRolle spielt: in dem einen (Ausg. v. A. Hilka und W. Söderhjelm,Helsingfors, 1911 f., I, 23 t.; s. Chauvin, IX, 25) heißt der Philosoph,der in einem Rechtshandel einem Unschuldigen beisteht, AuxiliumEgencium, aber in dem dem Exempel folgenden Gespräch zwischendem Magister und dem Discipulus wird von ihm gesagt: ,, . . . meritovocatus est hoc nomine Auxilium Miserorum", und so, nämlichAuxilium miserorum heißt er denn auch in dem nächsten Exempel(I, 25; s. Chauvin, IX, 26), wo er einen Rechtshandel zugunsten einesVerleumdeten entscheidet. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen,daß dieserNothelfer" des spanischen Juden identisch ist mit demNothelfer" des christlichen Franzosen; dieser erzählt oft, wie auchJ.-Th. Welter feststellt (L'exemplum, 1927, 220 n.) nach orientalischenGeschichten, und gemäß den Ausführungen in dem Prolog der Disci-plina gehören deren zwei Exempel zu denen, die ex proverbiis etcastigacionibus arabicis et fabulis gezogen sind. Es ist also wohl die-selbe Quelle, aus der Etienne de Bourbon und Petrus Alfonsi geschöpfthaben, und für diese erhalten wir als oberste Grenze der Auffassungs-zeit etwa das Jahr 1100, wodurch sich natürlich die ganze Unter-suchung über das Alter und den Ursprung des Märleins wesentlichverschiebt; nichts aber hindert uns, eine viel frühere Entstehunganzunehmen, und wenn wir Walter Anderson zustimmen wollten, der(289) gerade den Zug, daß der König seinem Streitgegner Kleiderund Thron abtritt, in den ältesten Text des Märleins verweist, somüßten wir die für den Franzosen erschlossene Quelle, die er leidernicht vollständig ausgeschöpft hat und in der sicherlich der auf dieHilfe des Philosophen Angewiesene nur reich, nicht aber auch weisegewesen ist, noch vor die bis jetzt als älteste angesehene Version des871 verstorbenen Ibn 'Abdalhakam setzen, die überdies bereits einekompliziertere Form darstellt.

Die Resultate von Andersons mit vorbildlicher Gründlichkeitgearbeiteten Untersuchung wären wohl in dem springenden Punktedie gleichen geblieben, auch wenn er einige Dutzend volksmündlicherGeschichten vernachlässigt hätte oder wenn sie ihm überhaupt nichtbekannt gewesen wären; gibt er mir aber, wie ich annehme, wenigstensin diesem Einzelfalle recht, dann wird er vermutlich zu dem Ergebniskommen, dass es ursprünglich nicht ein einfacher Mann aus dem Volkegewesen sein dürfte, der mehrern Gefragtenaus ihrer Not hilft"(288, 382), sondern ein Weiser, der sich bei einem Einzelnen als Not-helfer betätigt, wie es denn auch in der Linie der natürlichen Ent-wicklung liegt, daß aus dem Weisen im Laufe der Zeit der schlichteMann aus dem Volke, ja sogar ein Kind wird, aber nicht umgekehrt,was in jedem Falle eine Rückbildung bedeuten würde.

Die Behauptung Krohns, daß durch Herbeischaffen neuen Materialsmanche Resultate von der fortschreitenden Forschung modifiziert undsogar gänzlich umgestoßen werden könnten (116 f.), ist also nichtrichtig, wenn er, wie er es wirklich tut, mit diesem Material volks-