Die Methoden der Literaturwissenschaft. I5 1
man bisher für die Urform gehalten hat, abwich, auf fremde Beein-flussung zurückführte, auf die neu entdeckte Urform zurückgeht,während es die bisher als Urform angenommene Erzählung ist, diesich außerhalb der Entwicklungsreihe stellt, und so verändert sichauch die Verästelung des Stammbaums. Entspringt aber die neugefundene Erzählung einem andern Kultur kreis, so verschiebt sichdie Wurzel des Stammbaums nicht nur in der Zeit, also vertikal,sondern auch im Räume, also horizontal.
Dabei läßt sich hin und wieder auch bei Mangel an Dokumentendurch einfache Schlüsse feststellen, daß auf die literarische und dievolksmündliche Überlieferung eines Märchens oder Märleins eineErzählung aus einem andern Kulturkreise wesentlichen Einfluß gehabthat; freilich ist hier die größte Vorsicht nötig: obwohl wir uns(S. 75—78) für berechtigt gehalten haben, für das GrimmscheMärchen von den drei Männlein im Walde eine indische Fassung vonhöherm Alter als die, die in dem Kathäkosa vorliegt, als Urformanzunehmen, haben wir bei dem Märlein Basiles von den zwölfMonaten und ihren Beurteilern von einer solchen Annahme Abstandgenommen und es vorgezogen, zuzuwarten, ob nicht einmal in einemindischen Texte der Beweis für das gefunden werden wird, was wirnur vermuten. Manchmal aber weisen die Methoden der Literatur-wissenschaft auch in ähnlichen Fällen einen Weg, der zu sichernErgebnissen führt; ein Beispiel:
Bolte und Polivka zitieren bei der Untersuchung des Märleinsvon dem Hirtenbüblein (III, 214 f.) unter den alten Versionen auchein Exempel aus dem Tractatus de diversis materiis praedicabilibus,verfaßt zwischen 1250 und 1261 von dem französischen DominikanerEtienne de Bourbon, und ebenso beschäftigt sich mit diesem auchWalter Anderson in seinem 1923 erschienenen Buche Kaiser und Abt(= FF Communications, n° 42); dieses Exempel erzählt nun (A. Lecoyde la Marche, Anecdotes historiques, 1877, 81): Ein König stellt einemreichen Weisen, von dem er Geld erpressen will, drei Fragen; beant-worte er sie ihm nicht, so müsse er ihm eine große Summegeben. Die erste Frage ist, wo der Mittelpunkt der Erde sei, diezweite, wieviel Maß Wasser das Meer enthalte, und die dritte lautet:„Wie groß ist die Barmherzigkeit Gottes?" An dem bestimmtenTage aus dem Kerker vorgeführt, stößt er, beraten von einem Philo-sophen, der Auxikum miserorum genannt wird, einen Stock in denBoden und sagt: „Hier ist der Mittelpunkt der Erdej und wenn duwillst, daß ich die Wassermenge des Meeres messe, so halte die Flüsseund andern Gewässer zurück, bis ich gemessen haben werde, unddann werde ich dir sagen, wieviel Maß es sind. Und die dritte Fragewerde ich lösen können, wenn du mir zum Urteilsspruche deine Kleiderund den Thron gibst." Nachdem dies geschehen ist, spricht er,als König angetan, von dem Throne aus: „Nun höret und sehet dieErhabenheit von Gottes Barmherzigkeit! eben war ich ein Sklave,jetzt bin ich ein König, eben war ich arm, jetzt bin ich reich, ebenwar ich unten, jetzt bin ich oben, eben in Ketten und im Kerker,jetzt in Freiheit!"