150 Der Einfluß neuer literarischer Funde.
spiele seien anzuführen gestattet: Als Potiphars Weib den Geliebtenauf ihr Lager ziehen will, verhüllt sie das Bild des Götzen, auf daßer nicht Zeuge der Sünde werde, gerade so, wie es die Russin zu denZeiten des alten Adam Olearius oder die von dem wanderndenSchneidergesellen des Freiherrn von Gaudy angebetete Römerin tat(Wesselski, Erlesenes, 71 f.); und das andere: Josephs Schönheitbezaubert die Freundinnen seiner Herrin so, daß sie statt in dieFrucht, die sie essen wollen, sich in die Finger schneiden (Köhler,II, 79 ff.), geradeso wie sich in dem 5. Kapitel des 1. Buches vonWilhelm Meisters Wanderjahren der schöne Felix, als er den ihmvon der reizenden Hersilie gereichten Apfel schälen will, in denDaumen schneidet*). Warum hat denn noch kein Anhänger derFinnischen Schule, obwohl beide Motive noch heute lebendig sind,die „volkstümliche Grundform, auf die die biblische Darstellungzurückgeht", wiederherzustellen versucht? Vermutlich wäre in ihrPlatz auch für die Ehe des gereiften Joseph mit der zu ihrer altenSchönheit verjüngten Suleichä zu finden gewesen.
Aber Scherz beiseite, wie ernsthaft er auch genommen werdenmagl Selbstverständlich müßte es nicht so sein, daß Herodot undHomer die ältesten schriftlich fixierten Formen dieser Erzählungenbieten, und es wäre nicht ausgeschlossen, daß eines Tages ein keil-schriftlicher Text entdeckt würde, der als Quelle zu einigen Zügendes Polyphem-Märleins in Betracht kommen könnte (s. Herrn. Wirth,Homer und Babylon, 1921, 137 f.), oder ein Papyrus, der eine ältereDarstellung der Abenteuer des Meisterdiebs enthielte; das würdejedoch nichts an der Tatsache ändern, daß es Homer und Herodotgewesen sind, von denen (s. S. 61) mindestens mittelbar all die spätemKunstformen samt den volksmündlichen Geschichten ihren Ursprunggenommen haben.
Anders natürlich steht die Sache, wenn innerhalb der Kultur-kreise, deren Literaturen auf die Märlein und Märchen unzweifelhaftEinfluß geübt haben, Aufzeichnungen entdeckt werden, die älter sindals die bisher als die ältesten bekannten Darstellungen eines Märleinsoder eines Märchens oder auch nur einer in ihnen enthaltenen Episode.Oft bestätigt ja der neue Fund, wenn er demselben Kulturkreis ent-stammt, die bisherige Auffassung, wenn er nämlich nichts andresenthält als die nunmehr als jünger erkannte Version, und dann ver-längert sich der Stammbaum abwärts; in andern Fällen aber wirdsich zeigen, daß eine spätere Fassung, die man, weil sie von dem, was
*) Den Nachweisungen Köhlers wären noch beizufügen: M. Grünbaum inder Z. d. D. morgenl. Ges., XLIII, 8, XLIV, 447, 455, Tabari-Zotenberg, I, 220 f.,231 f., M. J. bin Gorion (M. J. Berdyczewski), Die Sagen der Juden, III, 1919,234, 291, Carra de Vaux, L'abr6g6 des merveilles, 1898, 371 f., Basset, 1001contes, III, 56 f., Srivara, Kathäkäutukam, deutsch von R. Schmidt, 1898, 199.Übrigens findet sich in dem 527. Jätaka (nicht aber auch in den entsprechendenMariein der Jätakamälä, der Vetälapancavimäatikä, des Kathäsaritsägara,^ desTuti Namch usw.) der Zug, daß die Brahmanen bei dem Anblick der schönenUmmadantI (Unmädini) so sehr die Fassung verlieren, daß sie sich den Bissen,den sie verzehren wollten, auf den Kopf legen oder in die Achselhöhle stecken;vgl. noch E. Littmann, Arabische Beduinenerzählungen, 1908, II, 46, L. Frobenius,Atlantis, II, 1922, 173 f., R. Thurneysen, Die irische Helden- und Königsage,1921, 308.