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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die Unhaltbarkeit der These von dem Vorrang der volkstüml. Erzählung. 149

dieser Märchengeschichten des Polyphem-Typs in der glücklichstenWeise bekämpft; er hat sich zwar begnügt, seinem Schlüsse, daß alleMärchen dieses Typs (wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar)aus der Odyssee stammen, nur eine hohe Wahrscheinlichkeit zuzu-erkennen, aber das hat augenscheinlich für Von der Leyen genügt,die auf das Ring-Motiv bezügliche Stelle in der letzten Ausgabe seinesBuchs völlig zu streichen. Kaarle Krohn hingegen führt als Belegfür seine oben zitierte Behauptung, im Volksmunde hätten sichmanchmal bis zum heutigen Tag ursprünglichere Züge erhalten alsin der altern literarischen Variante, die wie jede andere mit denMängeln einer gelegentlichen Niederschrift behaftet wäre, trotz Sette-gasts Beweisführung an (94):In seiner Abhandlung über die Poly-phemsage in der Volksüberlieferung hat O. Hackman gezeigt, daßdie volkstümliche Grundform, auf welche die Homerische Darstellungzurückgeht, nicht die Niemand-Episode, dagegen wahrscheinlich einebei Homer fehlende Ring-Episode enthalten hat."

Während nun Herodots Angabe, er habe die Geschichte vonKönig Rhampsinits Schatz von den ägyptischen Priestern erzählenhören, keinerlei Zweifeln unterliegen kann und er als Historikersicherlich nach bestem Wissen und Gewissen erzählt hat, ist der Ver-fasser der Odyssee oder des Abschnitts, der die Polyphem-Episodeerzählt, ein Dichter gewesen, dem im Gegensatze zu dem Historikerjedwede dichterische Freiheit zugebilligt werden muß. Von demPolyphem-Märlein haben wir keine ältere Darstellung als die Homerische,von der Geschichte des ägyptischen Meisterdiebs keine ältere alsdie Herodots, und diese Darstellungen waren wohl lange schon vorChristi Geburt jedem gebildeten Griechen und Römer bekannt. Daßsich nun etwa ältere Volksüberlieferungen, die noch im Altertumumgelaufen wären, bis zu dem Ende des zwölften nachchristlichenJahrhunderts, das heißt, bis zur Abfassung des Dolopathos, oder garbis heute, also bei der Geschichte von dem ägyptischen Meisterdiebüber dreitausend Jahre und bei dem Polyphem-Märlein eine nichtviel kürzere Zeit lebendig erhalten und fortgewirkt hätten und nochimmer fortwirken würden, dieser Gedanke wäre geradezu absurdgegenüber dem andern, daß sich einfach der erste Erzähler, der vonseiner Vorlage, vielleicht einer lateinischen Bearbeitung der Odysseeoder der Euterpe, abgewichen ist, als Märchenpfleger betätigt undetwas einmal Zubereitetes einer neuen Zubereitung unterzogen hat,wodurch seine Darstellungvollständiger und zusammenhängender"als die Homers geworden ist, um die Worte W. Grimms zu gebrauchen(Abh. d. Berl. Akademie, 1857, 23), oderanschaulicher und orga-nischer" als Herodots Erzählung, wie Von der Leyen sagt (ersteBuchausgabe, 100).

Auch um die biblische Erzählung von dem keuschen Josephfür H. Gunkel (126) ist sie ein Wandermärchen haben sich spät-jüdische und frühmohammedanische Märlein gerankt, und zwei Bei-stammenden persischen Varianten (Aug. Bricteux, Contes persans, 1910, 286 f.;Reuben Levy, The three Dervishes, 1923, 52 f.) und auch nicht die der Quelledes Märchens von Abü'l Fawarl nahestehende persische Version (R. Levy, 85 f.)enthalten das Ring-Motiv.