148 Der Polyphem-Mythos.
Feststellungen dieser Art, um das Wort Aarnes zu gebrauchen,hat man auch bei dem Mythos oder Märlein von Polyphem zu machenversucht. Von der Leyen, der — wie auch ich noch 1925 — von demPolyphem-Märchen spricht, knüpft 1905 (Archiv, CXV, 17) an dieTatsache, daß bei Homer Odysseus dem Zyklopen als seinen NamenNiemand angibt, die Bemerkung, diese List erscheine sogar inSchwänken von Völkern, die nie etwas von Homer und der Odysseehätten hören können, behauptet: „Es wurde hier ein uralter Schwankauf Odysseus übertragen", und verweist in einer Fußnote auf diebekannte Abhandlung Wilhelm Grimms und eine Stelle in E. RohdesBuch über den griechischen Roman; weder hier aber, noch dort findetsich irgendein Hinweis, der das Uralter eines solchen oder auch nurähnlichen Schwanks belegen würde. In der ersten Buchausgabe (97)ist denn auch diese Behauptung völlig verschwunden, und in gerademGegensatze dazu sagt Von der Leyen: „ .Niemand' nennt sich der Mannin keiner wirklich volkstümlichen Form der Geschichte, möglicherweiseist dies .Niemand' die Erfindung des griechischen Dichters"; aber in derletzten Auflage des Buches (105) wird dieses unvorsichtige Geständnisdurch Verschweigen widerrufen: „In der volkstümlichen Form derGeschichte heißt der Held nicht wie bei Homer Niemand": Schluß,Punktum. Immerhin hält er den Satz der ersten Auflage aufrecht,der besagte: „In der Odyssee scheinen zwei verschiedene, ursprünglichselbständige Geschichten verschmolzen, die das Volk heute nochauseinanderhält"; die zweite ist die, die durch die Antwort desBeschädigten „Selbst getan" charakterisiert wird.
Merkwürdig ist nun weiter Folgendes: In der ersten Auflage desBuches (96) notiert Von der Leyen, daß sich in der „volkstümlichenForm des Polyphem-Märchens, wie sie heute die meisten europäischenVölker noch kennen", an die Flucht des Helden „gern noch eine vonHomer nicht erzählte, vielleicht aber alte Fortsetzung schließt, daßnämlich der geblendete Riese seinem glücklich der Höhle entronnenenGegner einen Ring schenkt, der entweder den Mann festbannt oderdurch Rufen dem Blinden die Verfolgung erleichtert. Nur indem erden Ringfinger oder gar seine ganze Hand abschneidet, erreicht derBursche seine Rettung." Daß sich diese Bemerkung in der erstenFassung in Herrigs Archiv noch nicht findet, beruht auf dem Um-stände, daß Von der Leyen, wie man einem Zitat (148) entnehmenkann, hier, ebenso wie bei seinem Rückzug in Sachen des Niemand-Motivs, unter dem Einfluß des 1904 herausgekommenen Buchs vonOskar Hackman, Die Polyphemsage in der Volksüberlieferung, stand,das nicht nur in Helsingfors erschienen, sondern auch von einemAnhänger der Finnischen Schule verfaßt ist; 1917 aber hat dannFranz Settegast, Das Polyphemmärchen in altfranzösischen Gedichten,
149 f., Hackmans Ansichten nicht nur über das Ring-Motiv, das sichzuerst im Dolopathos findet*), sondern auch über die Herkunft aller
*) Settegasts Ansicht (139 f.), daß das Polyphem-Märlein des Dolopathosaus dem Orient, d. h., aus einer orientalischen Bearbeitung des in der Odysseevorliegenden Textes stamme, läßt sich kaum rechtfertigen; weder die Darstellungvon Sindbads dritter Reise, noch des schon erwähnten Romans von Saif al-Mulük(Chauvin, VII, 15 f. und 68 f.), aber auch nicht die aus der Quelle dieses Romans