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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die mittelalterlichen Bearbeitungen des Herodotschen Meisterdiebs. 147

erzählt worden sei, in der sie noch heute bestehe, und daß Herodotoder sein Gewährsmann diese Form geändert habe. Diese zweiteAnnahme bezeichnet nun Von der Leyen als die wahrscheinlichere,weilalle europäischen Varianten das Strichmotiv kennen, währendes nur bei Herodot fehlt." In der sechs Jahre später erschienenenBuchausgabe aber (92 f.) hat Von der Leyen diese gesamte Darlegungsamt den Schlußfolgerungen getilgt, wohl weil er sich inzwischenüberzeugt hatte, daß seine Behauptung unrichtig gewesen und dasnur gelegentliche Vorkommen des Strichmotivs in der selbstverständ-lichsten Art auf literarische Fassungen des europäischen Mittelalters*)zurückzuführen ist. Gleichwohl spricht er auch in dem Buche vonalten Motiven, die Herodot nicht kennt, die aber anscheinend indie älteste Form des Märchens gehören", und nennt da als Beispiel,daßin diesen Märchen", nämlich inden europäischen Märchen derGegenwart", dem Könige, der sich über die Abnahme des Schatzeswundert, von einem alten Dieb geraten wird, in dem Schatzhaus einFeuer anzustecken: durch den abziehenden Rauch wird entdeckt,wo der Dieb hereingekommen ist, dort wird ein Faß mit Pech auf-gestellt, und in dieses fällt der Dieb bei seinem nächsten Besuche.Nun findet sich diese Episode, was allerdings Von der Leyen nichterwähnt, zuerst bei dem nachchristlichen Charax von Pergamon (KönigAugeias von Elis erhält den Rat von Daidalos) und dann mehrfachin der Literatur des Mittelalters**); ansonsten aber sind es wiedernichtdie europäischen Märchen der Gegenwart", sondern unterihnen nur wenige, und trotzdem fährt Von der Leyen fort:Wirdürfen wohl annehmen, daß Herodot sein Märchen in einer Formerzählen hörte, die solche Eigentümlichkeiten der ausführlichen undorganischen Urform schon eingebüßt hatte." In der dritten Ausgabeseines Buches ist aber auch diese Behauptung fallen gelassen; jetztheißt es nur noch, obwohl als Beispiel wieder dieselbe Episodeangeführt wird (100):In wesentlichen Einzelheiten stimmen diespätem Versionen des Märchens mit Herodot überein, sie beruhenaber nicht auf ihm, denn sie entfernen sich von ihm während derHandlung und bringen wertvolle Motive, die Herodot nicht kennt,die aber anscheinend in alte Fassungen des Märchens gehören oderauf sie zurückweisen: denn sie beleben die Handlung und reihen dieVorgänge anschaulicher und organischer aneinander." Mit dieserEinschränkung kann man sich so halbwegs zufrieden geben: es istzwar nicht einzusehen, warum die anschaulichere und organischereFassung den altern Versionen eigen sein soll, und natürlicher wärees, eine stetige Verbesserung in den literarischen Varianten anzu-nehmen, aber die Fassungen des Mittelalters dürfen wirklich als altbezeichnet werden, und daß die volksmündlichen Geschichten in diesemPunkte auf ihnen und nicht unmittelbar auf Herodot beruhen, kannauch nicht bestritten werden, obwohl natürlich Herodot der Aus-gangspunkt der ganzen Märlein- und Geschichtenreihe bleibt.

*) Herberts französische Bearbeitung des Dolopathos, Histoire du Cheva-lier Berinus, Ser Giovannis Pecorone, De Deif van Brügge.

**) An den in der letzten Note genannten Stellen mit Ausnahme der ersten;für diese ist der Dolopathos selber einzusetzen.

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