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Versuch einer Theorie des Märchens
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I46 Volkstüml. Erzählung u. literarische Bearbeitung. Herodots Meisterdieb.

bewenden lassen dürfen, daß die allgemeine mündliche Praeexistenzder Märchen, auch wenn daswer weiß, wie lange" auf ein einzigesJahr beschränkt werden sollte, von dem, der sie behauptet, bewiesenoder wahrscheinlich gemacht werden müßte. Das scheint auch Aarnegefühlt zu haben; denn er fährt fort:Und außerdem hat die Forschung. . . festgestellt, daß das volkstümliche Märchen gewöhnlich eine ältereMärchenform repräsentiert als die indischen oder beliebige andereliterarische Bearbeitungen und daß der Forscher darum sein besonderesAugenmerk auf das volkstümliche Märchen zu richten hat." DieserSatz kann natürlich im Zusammenhang mit dem früher erwähnten,wonach die altern literarischen Bearbeitungen nicht als Urquelle derMärchen (desselben oder ähnlichen Inhalts) aufzufassen wären, nichtsandres bedeuten als die Behauptung, daß neben den als ältestenbelegten Aufzeichnungen eines Märchens oder Marieins vielleicht nichtimmer, aber doch zumeist auch noch volksmündliche Fassungen einesnoch hohem Alters anzunehmen wären, die auf die weitere Ent-wicklung des Märchens oder Märleins einen bestimmenden Einflußgehabt hätten. Etwa dasselbe sagt ja Kaarle Krohn noch 1926 (Diefolkloristische Arbeitsmethode, 94):Es gibt Fälle, wo spätere Um-bildungen (des Märchens) derart überhand genommen haben, daß dieUrform bloß durch ein uns bewahrtes literarisches Dokument ermitteltwerden kann. In andern Fällen haben sich im Volksmunde bis zumheutigen Tag ursprünglichere Züge erhalten als in der ältestenliterarischen Variante, die wie jede andere mit den Mängeln einergelegentlichen Niederschrift behaftet ist."

Es ist zu beklagen, daß Aarne nicht angibt, bei welchen Märchendiesdie Forschung festgestellt" hätte, aber wenn wir die nicht allzuzahlreiche Literatur, die Aarne gelegentlich anführt, daraufhin durch-gehen, so kommt in dieser Hinsicht einzig und allein die Arbeit vonVon der Leyen über das Märchen in Betracht, die Aarne nach derersten Buchausgabe zweimal in durchaus anerkennender Weise zitiert,und tatsächlich finden wir hier einige Darlegungen, auf denen AarnesAuffassung beruhen könnte.

Bei der Besprechung des Märleins von dem Meisterdiebe, wie esuns durch Herodot überliefert ist, hat Von der Leyen 1905 (HerrigsArchiv, CXV, 10 f.) ausgeführt, daß die europäischen Volksmärchenin Einem Motivsich gleich sind und gegen Herodot übereinstimmen":während der Dieb bei Herodot, als er gegriffen werden soll, derPrinzessin die Hand seines toten Vaters zurückläßt*), wird ihm in denVolksmärchen ein Strich oder sonst ein Merkmal beigebracht, woraufer, um nicht erkannt zu werden, allen andern Anwesenden dasselbeMerkmal anbringt. Da wären, sagt Von der Leyen, nur zwei Annahmenmöglich: die erste wäre, daß die Form bei Herodot das Ursprünglichebiete und daß das Strichmotiv, das ja auch in andern Zusammen-hängen vorkomme, später in das Märchen geraten sei; die andereAnnahme wäre, daß die Geschichte schon vor Herodot in der Form

*) Hier irrt Von der Leyen: bei Herodot hält der Dieb der Prinzessin nichtden Arm seines toten Vaters, sondern den eines andern, frischen Leichnams hin;auch handelt es sich bei dem Genossen des Diebes nicht um seinen Vater, sondernum seinen Bruder.