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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die Theorien der Finnischen Schule. 145

geringen Zahl von Märchen (oder Märlein) sehr viele aus den Märchen(oder Märlein) durch Weitererzählen entstandene Geschichten vor-liegen, die zugleich mit der Form auch innerlich gesunken sind, machtes dem Forscher zu der unweigerlichen Pflicht, sich mit der Frageauseinanderzusetzen, in welchem Umfange diese Märchengeschichtenbei einer Untersuchung über die Entstehung und die Heimat desMuttermärchens (oder -märleins) herangezogen werden dürfen.

Derzeit herrscht auf dem Gebiete der Märchenforschung, wieschon erwähnt, schier unumschränkt die sogenannte Finnische Schule.Begründet von dem um die verschiedenen Zweige der Volkskundeungemein verdienstvollen Kaarle Krohn, verdankt sie die erste For-mulierung ihrer Lehren dem viel zu früh dahingeschiedenen AnttiAarne, dessen Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung 1913(Umschlag: 1914) als 13. Stück der FF Communications erschienenist. Für Aarne und für die ganze Schule hat das Wort Märchendieselbe Bedeutung wie für die Brüder Grimm, und das einzigeKriterium des Märchens ist die Herkunft aus dem Volksmunde, dergeheimnisvolle Ursprung aus den Tiefen der Volksseele; gemäß unsernDarlegungen dürfen wir noch beifügen, daß Aarne natürlich dareinauch die aus dem Märchen und aus dem Märlein hervorgegangenenGeschichten, ja die Geschichten überhaupt einschließt. Immerhinkennt Aarne zwei Gattungen des Märchens: das volkstümliche (odervolksmündliche) Märchen ist ihm das ursprüngliche; das literarischeMärchen ist nur eine Bearbeitung des volksmündlichen. So begreifenwir denn, daß er (54) in Sperrdruck schreibt: ,, . . . als spätere Bear-beitungen der volkstümlichen Märchen können die literarischenVarianten nur die späteste Grenze für die Entstehung der Märchenmitteilen." Dabei ist für Aarne jedes Märchenursprünglich einefeste Erzählung, die nur einmal an bestimmter Stelle zu bestimmterZeit entstanden ist", und dieser Satz ist ihmeiner der Grund-gedanken der Märchenforschung" (12); ein paar Seiten weiter, wo ersagt (14), die Märchen stammten aus der geschichtlichen Zeit, aberbei ihrer Zusammensetzung seien auch aus alten Zeiten ererbteBegriffe und Sitten in Anwendung gebracht worden, führt er nochaus, es seikaum glaublich, daß der Verfasser des Märchens diesealtertümlichen Vorstellungen auch nur für wahr gehalten oder es mitseiner Erzählung ernst gemeint habe." Wesentlich ist da, daß Aarnesolchermaßen zugibt, daß das nur einmal entstandene Märchen vonirgendjemand verfaßt oder zusammengesetzt oder zubereitet wordenist, aber das hindert ihn nicht, dort, wo er über Benfeys Theoriehandelt (8 f.), die Behauptung auszusprechen:Es ist eine sehrnatürliche Bemerkung, daß die ältere literarische Existenz derindischen Märchen noch nicht bedeutet, daß diese schriftlichen Bear-beitungen die Urquelle der Märchen wären, welche in andern Ländernals volkstümliche Erzählungen bekannt sind. Die letzteren haben,wer weiß, wie lange in dem Munde des Volkes gelebt." Wir, die wirMärchen sowohl, als auch Märlein als Kunstform definiert und siescharf von den aus der Kunstform zu der Einfachen Form herab-gesunkenen Geschichten geschieden haben, würden gegen diese Theorienicht zu polemisieren brauchen, sondern es bei der Feststellung

IO Prager Deutsche Studien, Heft 45.