Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
143
Einzelbild herunterladen
 

Die Bitte um den zweiten Streich. 143

Man sieht, der Märchenpfleger nimmt die Motive, um die Künst-lichkeit des Märchens zu erhöhen, wo er sie findet, und da ist es nichtzu verwundern, daß die gutgemeinte Absicht des öftern fehlschlägt.So ist in eine große Anzahl von Märchen, deren Held einen Unholdoder Drachen zu bestehen und zu töten hat, der Zug eingeführt worden,daß der tödlich Getroffene noch einen zweiten Streich fordert, weildieser die Wirkung des ersten aufheben würde; die Bitte um denzweiten Streich, wie R. Köhler das Motiv benannt hat, darf also nichterfüllt werden. Dieses Motiv, das sich in einem riesigen Bogen bewegt,ausgehend von Island und endend an der marokkanischen Küste desAtlantischen Ozeans, habe ich (Erlesenes, 1928, 18 f.) auf eine An-wendung des alten Satzes Sanat quae sauciat ipsa zurückzuführenversucht, die, wie aus einer Stelle in dem dem hl. Hieronymuszugeschriebenen Brief Ad Praesidium Diaconum de Cereo Paschalizu erschließen ist, zuerst in einem Physiologos gestanden haben undauf dem Mißverständnis einer Behauptung beruhen dürfte, die sichbei Ailian findet.*) In dem arabischen Roman von Saif al-Mulük,der zu dem ältesten Bestand von Tausendundeiner Nacht gehört,und in dem Mabinogi von Pwyll, dem Fürsten von Dyvet, bittet derUnterlegene seinen Besieger, ihm den Garaus zu machen; Saif aber,der in demselben Augenblicke gewarnt wird, unterläßt den zweitenStreich, ohne dem Sterbenden zu antworten (E. Littmann, V, 304),und Pwyll, der schon vorher gewarnt worden ist, begründet seineAblehnung, indem er sagt:Es könnte mir leid tun; laß dich voneinem andern töten, ich tue es nicht" (Loth 2 , I, 89). Sajjid Batthalhingegen, der Held des türkischen Romans, ruft, als der entzweiGehaute bittet, noch einmal zuzuschlagen, es sei mit einem Streichegenug (Ethe, II, 52),, und ebenso lautet die Antwort, die der Prinzvon Samarkand dem Ginn in dem Märchen erteilt, das Zotenberg ausGallands Tagebüchern herausgegeben hat (Henning, XX, 142). DieMärchenpfleger jedoch glaubten hier zumeist einige freilich begnügensich mit Antworten, wieDie Hand des Helden schlägt nur einmal zu"oderBehalte, was du hast" etwas Übriges tun zu müssen, undso findet sich besonders häufig die FormelMeine Mutter hat michnur einmal geboren" oderAuch meine Mutter hat mich nicht Stückum Stück geboren". Halliday faßt das (bei Dawkins, 227) als a kindof play upon words auf, und damit hat er wohl die günstigste Beurteilunggegeben, die möglich war; trotzdem hat der Märchenpfleger, der dieseAntwort ersonnen hat, damit einen großen Erfolg erzielt: hat siedoch bei den Albanern, den Serben, den Bulgaren, den Griechen undden Türken, aber auch im Kaukasus und in Marokko, von den Somaligar nicht zu reden, anerkennende Aufnahme gefunden, und ist dadurchfast ebenso populär geworden wie das Motiv von der Bitte um denzweiten Streich überhaupt, das in all diesen Märchen und Märchen-geschichten samt den literarischen Kunstformen, vielleicht mit dereinzigen Ausnahme des Mabinogi, durchaus überflüssig ist.

*) In einer vor Erscheinen meines Buches geschriebenen, aber erst nachdiesem im Drucke erschienenen Abhandlung Ränu neopakuj (in den Materijalydo etnologii j antropologii, XXI XXII) hat sich Georg Polivka mit demselbenThema beschäftigt und eine große Anzahl entlegener Varianten beigebracht.