142 Ein angeblich geschichtliches Faktum.
Aber auch zwei albanische Fassungen sind inzwischen aufgezeichnetworden (beide zitiert bei Lambertz, 81): in der einen (Sp. R. Dine,Valet e detit, 1908, 832) läßt sich ein Priester dreimal von seinerGemeinde bestätigen, daß er einen sehr guten Apfel Heber für sichbehalten als verkaufen soll, und in der andern, aus Attika stammenden(K. D. Sotirios, Laographia, I, 100) fragt ein Witwer; der seine schöneTochter heiraten will, den Popen, ob er einen guten Apfel, den er imHause habe, den Nachbarn zu essen geben oder selber behalten solle.Die Zahl der Fassungen ist also jetzt fast doppelt so groß wie zuCosquins Zeit, aber das Verbreitungsgebiet des Motivs ist nicht nennens-wert größer geworden: zu dem Epirus, wo die Hahnschen Fassungenlokalisiert sind, ist noch Südalbanien und ein Dorf in Attika gekommen,und die Spannung zwischen dem fernen Osten und dem nahen Süd-europa bleibt fast unverändert bestehen. Nun ist es wesentlich, daßeine ähnliche Geschichte von einer historischen Persönlichkeit erzähltwird, nämlich von dem Großmogul Sahgahän, der von 1627 bis 1658regiert hat und 1666 gestorben ist. Nach den übereinstimmendenBerichten der zeitgenössischen Historiker hat er seine älteste TochterBegam §ähib auf das herzlichste geliebt und sie mit Vorrechten aus-gestattet, die keine Prinzessin seines Hauses genoß, und weiter istes sicherlich Tatsache, daß man im Volke der Meinung war, zwischenVater und Tochter bestünden unerlaubte Beziehungen. Da weiß nunFranjois Bernier, der 1656 ins Land gekommen ist, zu berichten (zit.Ausg. 11): „Begam §ähib war sehr hübsch und lebhaft, und ihr Vaterliebte sie leidenschaftlich. Es geht das Gerücht, seine Zuneigung habeeinen Grad erreicht, der nur schwer zu glauben ist, dessen Recht-fertigung er aber auf die Entscheidung der Molla oder Gelehrten ihresRechts stützte; nach ihnen wäre es ungerecht gewesen, dem Königedas Vorrecht abzusprechen, daß er von dem Baume, den er selbstgepflanzt hatte, Früchte pflücken dürfte." Manucci freilich, der eben-falls von der außerordentlichen Liebe Sahgahäns zu seiner Tochterspricht, die in dem gemeinen Volke das Gerücht habe entstehen lassen,sie habe Verkehr mit ihm, sagt (I, 217), dies habe Herrn Bernier denAnlaß gegeben, Dinge über die Prinzessin zu schreiben, die nur aufdem Gerede des niedern Volkes beruhten. Aber ob das Gerücht, vondem beide erzählen, begründet gewesen ist oder nicht, tut für unsnichts zur Sache: jedenfalls gibt die Geschichte, die zuerst 1670 inder Histoire de la derniere revolution des Etats du Grand Mogolveröffentlicht, ein Jahr später mit dieser ins Englische, 1672 insHolländische und ins Deutsche, 1675 ins Italienische übersetzt wordenist, eine zeitgenössische Überlieferung wieder, die zu der sizilianischenund zu den balkanischen Märchengeschichten, aber auch zu der inKambodscha lokalisierten Sage stimmt, so daß sie oder, wenn sieauf Sahgahän nur übertragen worden ist, ihre Quelle oder etwa einespätere Nachahmung imstande ist, das Vorkommen des Motivs inSüdeuropa und in Hinterindien zu erklären. Nach Kambodscha, dasja zu dem indischen Kulturkreis gehört, mag sie durch Hindu gelangtsein, nach Sizilien, Griechenland und Albanien durch Glaubensgenossendes Großmoguls, und dort hat sie dann wohl ein Märchenpfleger, dersein Handwerk verstand, in jene Märchen oder Märlein eingefügt.