und in Märlein aus dem Fernen Osten. I4 1
die für tot begraben worden ist, ins Leben zurückruft, worauf er beieinem Festmahl die Meinung über ein Gleichnis einholt, das so geht:„Es war mal ein Gärtner, der hatte eine wunderschöne Blume; dieBlume verwelkte, und der Gärtner riß sie aus und warf sie aus seinemGarten. Nun kam des Wegs ein Mann, der fand die Blume, nahmsie mit und pflanzte sie in seinen Blumengarten, und weil er sie pflegteund wohl begoß, so wurde die Blume wieder frisch und schön wie vorher.Nun sagt! Wem kam die Blume zu?" usw. Derlei Geschichten abergehen (s. Bolte in der Zeitschr. d. V. f. Volksk., XX, 376 und vorher)letzten Endes auf die 94. Novelle des Dekamerons zurück, deren Heldvor dem Gatten der von ihm aus dem Grabe geholten Frau die Frageaufwirft, wem ein Diener zugehören solle, der in einer schweren Erkran-kung von seinem Herrn verlassen und von einem andern wiederherge-stellt worden ist. In dieser Novellen-, Märlein- und Geschichtenreihewerden Gleichnis und Frage so geformt, daß die einzig mögliche Beant-wortung dem primitiven Rechtsempfinden zum Durchbruch verhilft, undin diesem Sinne gehören alle diese Erzählungen, wie übrigens auch dievon dem Schultheiß, der in der Meinung, es handle sich um einenfremden Stier, die Verpflichtung seines Besitzers zum Schadenersatzausspricht*), zu dem eben besprochenen Motiv von dem Urteil, dassich der Schuldige selber spricht.
Da es sich aber bei den in Rede stehenden Geschichten just umdas Entgegengesetzte handelt, nämlich um eine erlistete Rechtfertigungeiner beabsichtigten Schandtat, hat Reinhold Köhler gut getan, aufsolche scheinbare Parallelen zu verzichten, und ihm ist EmmanuelCosquin gefolgt (Etudes folkloriques, 9), der sich ansonsten freut,denselben Zug „an dem andern Ende der Welt" belegen zu können,nämlich in Kambodscha; er zitiert einen der von Aymonnier ver-öffentlichten Textes Khmers folgenden Inhalts: „Einst herrschte indem Lande Kängschak ein Fürst, der nur eine Tochter hatte. Derberief eines Tages seine Mandarinen zusammen und fragte sie, obman die Früchte eines selbstgepflanzten Baumes essen oder verkaufensolle; in Unkenntnis der Absicht des Königs antworteten sie, dieschönsten Früchte sollte der essen, der sie gezogen habe." Umsich den sträflichen Plänen des Königs zu entziehen, ruft diePrinzessin Indra und Brahman an; die Erde öffnet sich, und alleswird verschlungen. — Seither ist noch eine Version dieser Geschichtebekannt geworden (Adh. Ledere, Contes laotiens et contes cambo-dgiens, 1903, 225 f.), die noch deutlicher den Charakter der Sage trägt,weil sich an der Stelle, wo das Schloß des Königs von Kängschakgestanden hat, ein See bildet, der noch heute da ist; die Frage desKönigs aber an seine Mandarinen lautet: „Wenn ihr in einem voneuch bebauten Felde allerlei Bäume habt, die immer schöner heran-wachsen, werdet ihr die Früchte verschenken oder selber essen ?"
*) Zuerst aus Seeland bei Erasmus, De ratione concionandi, Basileae, 1535,213; die Nachweise österleys bei Kirchhof, IV, n° 90, die A. L. Stiefels und Joh.Boltes in der Z. d. Ver. f. Volksk., XVIII, 447 und die in dem Büchmann (23. Aufl.,133) wären leicht zu vermehren; hier sei nur auf die in Indien spielende Variantebei Pandit Shyama Shankar, Wit and Wisdom of India, 1924, 178 aufmerksamgemacht.