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Versuch einer Theorie des Märchens
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140 Der blutschänderische Vater in europäischen Märlein

Allerleirauh wieder, gemildert allerdings indem der König seiner Frauauf deren Totenbette versprechen muß, keine zur Gattin zu nehmen,die nicht so schön sei und nicht solch goldenes Haar habe wie sie.Der Grundton dieses Motivs, das den Vater zwangsläufig schuldig werdenlassen will, findet sich unter andern schon in der Manekine von Philippde Beaumanoir, bei Enenkel, bei Bartolomeo Fazio, bei Straparola,bei Basile, in dem Peau d'asne Perraults; oft wird weiter seine Schuldzu mildern getrachtet, indem man ihn, bevor er sich entschließt, seineTochter zu heiraten, versuchen läßt, eine andere ebenso Schöne zufinden, und hier und da wird auch die Schuld zwischen ihm und seinenGroßen geteilt, die ihn in seinem Vorhaben bestärken oder sogar durchihren Rat den Anstoß dazu geben. Wie man sieht und wie weitereVergleiche der von Bolte-Polivka zu n° 31 und n° 65 verzeichnetenVersionen lehren, gehen im allgemeinen die Bemühungen der Erzähler-ketten dahin, der Schändlichkeit des nach der Tochter lüsternenVaters, wie sie etwa in der Vita Offae primi von Matthaeus Paris, inder Ystoria regis Franchorum et filie, in der Fassung der Scala celi,in der Novella della figlia del re di Dacia usw. oft mit allzu grellenFarben geschildert wird, ein Mäntelchen umzuhängen, und schließlichläßt man ihn hin und wieder sogar die Zustimmung der höchstenchristlichen Autorität, des Papstes, einholen.

Ganz im Gegensatz zu den Absichten dieser Märchenpfleger legenes andere darauf an, den sowieso schon abscheulich genug erscheinendenVater zu einem noch größern Scheusal zu machen, und dies erreichensie, indem sie ihn die Zustimmung der Männer des geistlichen oderdes weltlichen Gesetzes durch Hinterlist erschleichen lassen. So richtetin dem 27. der Griechischen Märchen von J. G. v. Hahn der König,den die von ihm begehrte Tochter an den Bischof verwiesen hat, andiesen die Frage:Wenn jemand ein Lamm hat und es selber pflegtund groß zieht, ist es da besser, daß er es verzehrt oder daß es einanderer verzehrt?", und die Antwort lautet natürlich:Lieber solles der verzehren, welcher es groß gezogen hat"; in einer Variante,wo der Vater ein Geistlicher ist, lautet seine rhetorische Frage:Ichhabe vor meiner Haustür einen Apfelbaum stehen; wer soll die Fruchtdavon essen, ich oder ein Fremder?" Diese zwei Überlieferungenvergleicht R. Köhler einer Episode in dem 25. der von Laura Gonzen-bach gesammelten Sicilianischen Märchen (I, 154; s. II, 221 f.), woes der Ziehvater des Mädchens, ein Geistlicher, ist, der von der Kanzelherab seine Gemeinde fragt:Ich habe vor mehrern Jahren einejunge Henne gefunden. Soll ich sie nun euch verkaufen oder selbstgenießen ?" und die Antwort erhält:Da Ihr sie doch einmal gefundenhabt, so genießt sie selber." Hiezu könnte man natürlich auf Geschichtenoder Märlein verweisen, wie etwa auf die n° 18 in Wilhelm BuschsUt 31er Welt (1910), wo ein Liebender die einem andern Verlobte,

der Bischof Dubravius usw. von Jan Smificky und König Ladislaus (Postumus)erzählen. Von sonstigen Verwendungen des Zugs erwähnen wir nur noch, umnicht allzuweit abzuschweifen, eine Erzählung der Zehn Wesire (Chauvin, VIII,86), die Schlußerzählung der Sieben weisen Meister in der Fassung der Scalaceli von Johannes Gobii (Ulm, 1480, 96» sub tit. Femina; Alf. Hilka in der Fest-schrift f. Alfr. Hillebrandt, 1913, 80), Straparola, n. III, f. 3. » IV, f. 3 und Basile,i. I, tr. 2, i. V, tr. 8 und 9.