Sich selber das Urteil sprechen. 139
(s. E. Tonnelat, Les contes des freres Grimm, 1912, 98f.; Fr. Heyden,Volksmärchen und Volksmärchenerzähler, 1922, 28 f.), sondern höch-stens vielleicht wegen eines Versuchs in umgekehrter Richtung, wieer ihn bei den zwölf Brüdern (n° 9) gemacht hat: In der von JacobGrimm niedergeschriebenen Vorlage (Lefftz, 74) schwören wohl dieBrüder, jedes Mädchen, das in den Wald kommen werde, umzubringen;daß sie aber diesen Schwur wirklich gehalten oder auch nur Gelegen-heit gehabt hätten, ihn zu halten, bevor ihre Schwester zu ihnen kam,wird nicht gesagt. In dem Text der ersten Auflage jedoch (26) heißtes nach der Schilderung ihres Lebens im Walde: „Jedes Mädchenaber, das den eüfen begegnete, war ohne Barmherzigkeit verloren;das dauerte viele Jahre", so daß wir auf eine erkleckliche Zahl vonMorden schließen dürfen. Schon in der zweiten Auflage (50) ist diesesEinschiebsel getilgt.
Mit Märchenpflege in dem Sinne, wie wir das Wort verstandenhaben wollen, nämlich in dem Sinne einer Tätigkeit, die das in gutemZustande übernommene Märchen bewahren, das in schlechtem Zu-stande übernommene wiederherstellen will, hat ein Vorgehen, dasnur zu leicht zu Verschlechterung führt und oft in frommen Trugund Süßlichkeit ausartet, nichts zu tun. Es mag ja nicht gerade Trugoder Süßlichkeit sein, wenn z. B. grausame Todesstrafen in humanereabgeändert werden oder gar der Held oder die Heldin in der Posedes oder der aus Edelmut Verzeihenden auftritt; der Märchenpflegeraber hilft sich, indem er den schlechten Kerl oder das niederträchtigeWeib die Strafe selber bestimmen läßt. Bolte hat sicherlich Rechtmit der Behauptung (I, 453), es sei in der Richilde „ein echter Zug,daß am Ende die Zwerge stählerne Pantoffel schmieden, glühendmachen und der Stiefmutter anschuhen, die darin tanzen muß, daßdie Saaldielen rauchen"; daß wir aber den „echten Zug" trotz seinerGrausamkeit so durchaus billigen, das rührt von dem Umstand her,daß sich Richilde dieses ihr Urteil selber gesprochen hat, und ähnlichgeht es uns bei den vielen, vielen Märchen, die mit dem Motiv schließen(bei den Grimm n° 13, aber erst von der zweiten Auflage an, n° 89und n° in), ohne Gnade walten zu lassen, wie sie in einem ähnlichemFalle der Herr dem König David gewährt (2 Samuel, 12) oder KaiserMaximilian dem ungetreuen Schreiber (Luthers Tischreden, WeimarerAusg., III, 236 f.; Kirchhof, Wendunmuth, IV, n° 32) oder die Witwe,die bei Grimm, Deutsche Sagen, n° 480 dem Kaiser Otto III. das Lebenschenkt, allerdings für vier Schlösser und unter der Bedingung, daßdie falsche Kaiserin sterbe*).
Weder frommer Trug, noch süßliche Prüderie wirkte mit, alsin dem Märchen von dem Mädchen ohne Hände der ursprünglicheZug, daß der Vater seine Tochter begehrt, in den Kinder- und Haus-märchen gestrichen worden ist; denn er kehrt in dem Märchen von
*) Die Quelle der Brüder ist Gottfrieds von Viterbo Pantheon (Patr. lat.,CXCVIII, 962; Pertz, Monumenta, Scriptores, XXII, 238); nach diesem erscheintdie Geschichte in der Legenda aurea, c. 181 (839), dann in dem Alphabetumnarrationum und seinen Übersetzungen, weiter ist sie in allerlei Chroniken über-gegangen, und auch Hans Sachs hat sie bearbeitet (VIII, 107—130). Fast ebensoverbreitet sind die Geschichten, die Paulus Aemilius, Robert Gaguin und vieleandere von H6ribert de Vermandois und Louis d'Outre-Mer, Aeneas Sylvius,