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Versuch einer Theorie des Märchens
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138 Milderung oder Steigerung des Abscheulichen.

für die man einen jüdischen Ursprung annahm, und daß damit diese,wie so viele andere, gewissermaßen für den Islam übernommen worden ist

Die Legende von dem Manne, dessen Name nicht viel besserbekannt ist als sein Begräbnisort, ist es wohl, der das Kamel, demdie Leichenbestattung zufällt, seine Existenz als Motiv so vielerVarianten des Schneewittchen-Märchens verdankt. Dieses hat jaauch sonst in den nordwestafrikanischen Fassungen viele Veränderungenerlitten, hat Motive und ganze Episoden aus andern Märchen über-nommen, ist dem neuen Boden angepaßt worden, aber erst durchdie Einfügung dieses Zuges hat es ein zwingendes Merkmal seinerAufnahme in die örtliche Tradition erhalten. Der, dem es dieses Merk-mal verdankt, stand als Märchenpfleger auf derselben Höhe wie der,der in dem Märchen von der Froschbraut, wie es von Doni erzähltworden ist, die abgeschossenen Kugeln durch die in die Luft geblasenenFedern ersetzt hat. Ein guter Märchenpfleger war es aber auch, derden Lauf des Kamels durch die Bedingung begrenzte, daß sein Nameausgesprochen werden müsse; das geht natürlich auf die Tatsachezurück, daß für den Primitiven die Kenntnis des Namens die Machtüber dessen Träger bedeutet, so daß es das Schicksal in der Handhat, den Leichenritt zu begrenzen. Deutlich wird das besonders inder einen Geschichte aus Fes, während die andere und die aus Tripolisnur eine schwache Reminiszenz bewahrt haben. Nicht einmal diesemehr ist in der in Siena lokalisierten Geschichte vorhanden, so daßsich hier der Märchenpfleger, wenn einer vorhanden war, nur durchdie an und für sich selbstverständliche Ersetzung des Bestattungs-Kamels durch ein Bestattungs-Pferd, aber nicht auch an dem zweitenMotiv bewährt hat.

Merkwürdigerweise ist es in zweien der in dem obigen Zusammen-hange erwähnten Geschichten, nämlich in der aus Marrakesch undder aus Dschurdschura, nicht die Stiefmutter, sondern die richtigeMutter, die das schöne Mädchen verfolgt und töten will, und merk-würdigerweise ist das auch so in der ältesten uns erreichbaren Formdes Sneewittchen-Märchens (abgesehn von der Parallele in der Richildebei Musäus), nämüch in der von Jacob Grimm niedergeschriebenenFassung (Lefftz, 120 f.), auf der der Hauptsache nach der Text in derersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen beruht (I, 238 f.): auchdort ist Sneewittchens Verfolgerin die eigene Mutter; dann freilichhat sich Wilhelm Grimm als Märchenpfleger betätigt und, durch ihreVerwandlung in eine Stiefmutter, die Mordabsicht einigermaßen demVerständnis näher zu bringen, das Ungeheuerliche zu mildern versucht.Immerhin ist man nicht nur in der Berberei oder Barbarei hie und dazu dem wohl Ursprünglichen zurückgekehrt, sondern auch manchenortsin Europa, wo die Märchenpfleger das gewiß volkstümliche Interessehaben mochten, die Unholdin möglichst schwarz zu malen, anstattsie in eine Reihe mit den traditionell niederträchtigen Stiefmütternzu stellen; daß sie dabei den Beifall ihres Publikums gefunden haben,beweisen die Fassungen, die Böklen, I, 66 f. verzeichnet. Den größernBeifall freilich hatte Wilhelm Grimm zu buchen, und da er die Märchender Kinderstube zudachte, darf man ihn auch nicht wegen so argerUmarbeitungen tadeln, wie die bei dem Märchen von der Rapunzel