136 Die Islamisierung des Märchens
Brüdern versprechen, sie immerdar zu tragen. Weitere Varianten findetman noch bei Dermenghem, und beizufügen sind noch die oben (S. 81)eines andern Motivs halber erwähnten Geschichten aus der Kabylievon Dschurdschura und aus Tripolis (Riviere, 215 f. und Stumme, 81 f.).Wie man sieht, sind diese Geschichten allesamt in der nordwest-lichen Ecke Afrikas unter einer durchwegs mohammedanischenBevölkerung gesammelt, und als europäische Parallelen, die auf ihreBildung irgendeinen Einfluß geübt hätten, könnten höchstens siebender von Böklen erwähnten Versionen aufgefaßt werden: der kristallene,gläserne oder silberne Sarg oder Schrein (Kiste) wird in zweien, dieaus Katalanien und aus Mantua berichtet werden (I, 26 und 29), ineinen Fluß, in zwei andern, aus Portugal und aus Griechenland (I, 24 f.und 42 f.), ins Meer geworfen, in einer senesischen und einer wahr-scheinlich aus Chios stammenden (I, 34 und 43 f.) ist es ein Pferd,dem der Schrein oder Sarg überlassen wird, und in der siebenten, einerungarischen (I, 50), wird der Sarg zwischen die Geweihsprossen einesElchs gesetzt, der damit bis nach Persien gelangt*).
Wie man sieht, liegen die Fundorte allesamt in Ländern, die denEinflüssen des mohammedanischen Kulturkreises unterlagen, aberandererseits kann auch nicht bestritten werden, daß zumindest Italienumgekehrt einen Einfluß auf die Länder im Süden und im Osten desMittelmeers und besonders auf Griechenland genommen hat. Einemerkwürdige Parallele ergibt sich weiter bei dem Vergleich der senesi-schen Fassung mit einigen der afrikanischen: In der senesischen erhältdas Pferd, dem der Schrein mit dem vermeintlichen Leichnam auf-geladen worden ist, den Auftrag: „Geh und bleib nicht eher stehen,als bis du einen findest, der zu dir sagt: Halt um Gottes willen;um dich habe ich mein Pferd verloren!" Das sagt denn auch der König,der bei der Verfolgung sein Pferd totgeritten hat. In einem der zitiertenContes fasis (123) lauten die Worte, bei denen das Tier — hier ist eseine Kuh — halten soll: „Du hast mir meine Sandale (n'ala) zerrissen;Allah zerreiße die deinige!", und das ruft schließlich ein Greis, dersich bei der Verfolgung der Kuh die Sandalen zerrissen hat. In derzuerst erwähnten Geschichte derselben Sammlung heißt das KamelN'ala, und es soll nicht eher stehen bleiben, als bis es bei seinem Namengerufen wird; ein Schnitter, der eine Sandale verloren hat, bitteteinen Vorübergehenden, ihm seine n'ala zu geben, und schon hältdas Kamel. Bei H. Stumme, Märchen und Gedichte aus der StadtTripolis, 91, darf das Kamel nur stehn bleiben, wenn man zu ihm„Riemen" sagt. Drei Männer laufen ihm nach, und schließlich sagteiner zu den andern: „Wartet einen Augenblick; der Riemen meinerSandale ist zerrissen", und schon kniet das Kamel hin. Hier kannder Zusammenhang nicht geleugnet werden; das Kamel der nord-westafrikanischen Mohammedaner, die nur einmal bei ihnen auftretendeKuh und das senesische Pferd, schließlich aber auch die Kameltreiberin einer griechischen Geschichte aus Kleinasien (Dawkins, 350), denen
*) Verdorben sind die entsprechenden Züge in einer baskischen, einerwelschtirolischen, einer sizilianischen und einer brasilianischen Variante (sieheBöklen, I, 121 f.).