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Versuch einer Theorie des Märchens
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Das Sneewittchen in Nordafrika. 135

und versenkt sie durch eine Dattel in einen todesähnlichen Schlaf.Die sieben Brüder legen die vermeintliche Leiche in einen goldenenSchrein, laden ihn einem Kamel auf und überlassen dieses sich selbst.Das Kamel läuft mit seiner Bürde in die Stadt, der König läßt denSchrein in seine Gemächer tragen, seine Schwestern öffnen ihn, unddie jüngste, die an der Toten die Schönheit der Zähne bewundert,zieht, als sie ihr den Mund öffnen will, die Dattel heraus. Wieder-aufleben der jungen Frau und ihre Vermählung mit dem Könige.

In dem 17. Stück der Contes et legendes populaires du Maroc,gesammelt in Marrakesch von der Doctoresse Legey (1926, 78 f.), isteine Königin auf ihre Tochter eifersüchtig, weil ihr ihr Gatte gesagthat:Wenn du eine Tochter bekommst, die schöner ist als du, sowerde ich sie heiraten." Sie fragt die Sonne:Wer ist die Schönste?"und erhält die Antwort:Ich bin schön, du bist schön, aber die indeinem Schöße ist schöner als du und ich", und dieses Frag- undAntwort-Spiel wiederholt sich alltäglich; als dann das Kind zur Weltgekommen ist, steckt sie es in den Backtrog und wälzt es in Mehl,aber wieder antwortet die Sonne:Ich bin schön, du bist schön, aberdie, die du in Mehl gewälzt und in den Trog gesteckt hast, ist schönerals du und ich." Da gelobt sie sich, ihre Tochter niemals dem Vaterzu zeigen, und als diese mannbar geworden ist, führt sie sie in denWald und verläßt sie dort. Das Mädchen gelangt zu sieben Schafhirtenund heiratet den ältesten. Von einem jüdischen Händler erfährt dieKönigin, daß Lalla Khallala Khedrä so heißt die Tochter nochlebt, und sie verspricht ihm, ihn reich zu machen, wenn er es zuwegebringe, daß ihre Tochter einen Ring, den sie ihm übergibt, in denMund nehme. Es gelingt ihm wirklich, und die junge Frau fällt inOhnmacht. Die sieben Brüder halten sie für tot und sagen, sie müssein einem Palankin auf ein Kamel gesetzt und möglichst weit weg-getragen werden. Sie wählen das Kamel, das verspricht, sie bis zudem Tage der Vergeltung zu tragen, und entlassen es. Der König,dem es auf der Jagd begegnet, läßt es fangen, und als er die schöneTote sieht, nimmt er sie mit in die Stadt, um sie würdig zu bestatten.Seine Frauen aber, die erkennen, daß noch Leben in ihr ist, bereitenihr einen Trank; als sie ihn ihr einflößen, finden sie den Ring undentfernen ihn, und die junge Frau öffnet die Augen. Der König ver-mählt sich mit ihr, aber schließlich entflieht sie, begleitet von seinensechs Töchtern, und diese erhalten, als sie wieder bei ihrem Manneangelangt ist, dessen Brüder als Gatten.

Lalla Khallal el Khadra heißt die Heldin auch in einer verdorbenenParallele in einem der von Mohammed el Fasi in Fes aufgezeichnetenund von ihm und E. Dermenghem veröffentlichten Contes fasis (1926,114 t.), wo der Märchenpfleger dem Gatten der von einem Juden mitdem Ringe ihrer Stiefmutter Vergifteten die sentimentalen Wortein den Mund legen zu müssen glaubte:Ich könnte es nie übers Herzbringen, sie auf den Friedhof zu schaffen und sie in der Erde faulen zulassen"; Lalla Ghulla Khodra heißt sie in einer dritten marokkanischenGeschichte (aus dem mittlem Atlas), die E. Laoust in der Etüdesur le dialecte berbere des Ntifa, 1918, 403 f. abgedruckt hat (sieheFasi-Dermenghem, 123): in dieser muß das Kamel wieder den sieben