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Versuch einer Theorie des Märchens
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J 34 Die Eindeutschung des italienischen Märchens.

Das Märchen, das 1812 als n° 64, III gedruckt ist und dessenVorlage bei Lefftz 51 f. steht, hat aus der Donischen Fassung denZug behalten, daß sich zwischen den dritten Sohn und dessen Brauteine Erfüllerin seiner Wünsche einschiebt, hat ihn aber verschlechtert,indem aus der mit Wunderkraft begabten Fröschin oder Nympheein gewöhnliches Mädchen geworden ist, von der man nirgends erfährt,wieso sie zu der Macht gekommen ist, dem Jüngling zu helfen. Auch1819 (n° 63) erscheint noch diese Vermittlerin, und jetzt ist sie, wiebei Doni, eine Artgenossin der Braut, die sich freilich nicht erst ineine Nymphe zu verwandeln braucht, um über wunderbare Kräftezu verfügen. In der ersten Fassung weiter ist die Braut noch einFrosch, in der zweiten aber eine Itsche, ebenso wie sie in der n° 60 vonJ. G. Büschings Volks-Sagen, Märchen und Legenden (1812, I, 286 f.),die freilich zu der Chatte blanche gestellt werden muß, eine Padde ist.Hier hat also der Märchenpfleger den Widerspruch zwischen demgrammatikalischen und dem wirklichen Geschlechte gefühlt und ausder Braut unter Verzicht auf das armselige Froschweibchen oder,wie wir sagten, Fröschin einfach eine Kröte gemacht, wodurch erüberdies, da die Kröte gemeiniglich als Ausbund der Scheußlichkeitgilt, einen glücklichen Kontrast mit der Schönheit des aus ihr ent-standenen Mädchens erzielte. Die Slawen konnten natürlich, da dieBezeichnung für Frosch bei ihnen so wie bei den Italienern weiblichist (zaba), den Frosch beibehalten oder ihn neu einführen, ebenso dieFranzosen usw., usw.

Ist also das Märchen durch die Einführung der Kröte für denFrosch äußerlich eingedeutscht worden, so hat das der Märchenpflegerauch innerlich getan, indem er für die Wählerei durch den Schuß dasOrakel der in die Luft geblasenen Feder einführte, das man schlagedie Belege bei Bolte-Polivka, II, 37 f. nach, wenn auch nicht ohneParallelen im Spanischen und im Französischen, doch wohl deutschenUrsprungs ist und jedenfalls in Deutschland heute noch in boden-ständiger Erinnerung lebt. Die Änderung von Frosch in Kröte, Itsche,Padde ist nur oberflächlich, und um oberflächliche, meist selbst-verständliche Änderungen handelt es sich meist auch sonst, wo einfremdes Märchen der Heimat so angepaßt wird, daß es Fuß fassenkann; die Ersetzung des Balles oder der Kugel aber ist eine motivischeÄnderung, und der Märchenpfleger, der so die nationale Angleichungerzielen wollte, hat aus künstlerischem Empfinden gehandelt.

Ein ähnliches, nicht minder wertvolles Beispiel von nationalerAneignung bietet eine Reihe von Parallelen zu dem Sneewittchen.

Vor allem ist da eine Fassung zu erwähnen, die Henry Carnoyin Algier aufgezeichnet hat (La Tradition, XX, 5 f.; E. Böklen, Snee-wittchenstudien, I, 1910, 165): Eine Zauberin ist auf ihre Stieftochtereifersüchtig, zumal da diese von der von ihr befragten Sonne dreimalals die schönere erklärt worden ist. Darum stiftet sie ihren Mann an,sich der Tochter zu entledigen, und er setzt sie auf einem Berge aus.Die Verlassene gelangt in ein Schloß, das von sieben Ginnen bewohntwird, und dort macht sie Ordnung, bereitet das Mahl usw.; schließ-lich entdeckt, heiratet sie den jüngsten. Von der Sonne erfährt dieMutter, daß sie noch am Leben ist; sie besucht sie in Verkleidung