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Versuch einer Theorie des Märchens
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130 Einprägsame Motive.

Spindeln bis auf die einer alten Frau verbrannt worden seien, unddann heißt es: An Dornröschens fünfzehntem Geburtstage sollte einfeines Essen hergerichtet werden. Es war alles in der Speisekammeraufbewahrt. Als der Koch die Speisen zum Herrichten holen wollte,ging die Tür nicht auf. Der König und die Königin waren ganz traurig.Der Koch ließ die Milch überlaufen und (in die) Sos die er bereitetegab er statt Pfeffer Veilchenpulver hinein. Da der Geruch der über-laufenden Milch unangenehm roch, streute der Küchenjunge stattVeilchenpulver Pfeffer aus, sodaß alle niesen mußten. Endlich hobdie Uhr aus. Der König und die Königin zählten laut mit. Als derletzte Schlag war öffnete sich die Tür und ein altes Weib mit derSpindel saß darin. Dornröschen sprang hin . . .

Es ist klar, daß die zwei Mädchen nicht unabhängig voneinandererzählt haben: die Tür, hinter der einmal die Torte ist, das andereMal die Speisen überhaupt sind, geht in beiden Fällen mit dem letztenSchlage der Uhr auf; aus dem einen Text erfahren wir, daß es diezwölfte Stunde ist, die schlägt, aus beiden aber, daß das Königspaarmitzählt. Daß das eine Mädchen von dem andern abgeschrieben hätte,ist angesichts der Ungleichheit auch in diesem Teile der Märchen-geschichte ausgeschlossen, und so wird man wohl annehmen müssen,daß ihnen beiden einmal eine Fassung erzählt worden ist, in der esmit dem öffnen der Schicksalstür eine besondere Bewandtnis hat, diein irgendeiner Beziehung zu dem Mittagessen steht; es mag ja dieZwölfzahl der Teller an den Zwölfschlag der Uhr, der die Essensstundeanzeigt, erinnert haben, aber das könnte höchstens als Vermutunggelten, nicht aber als Erklärung befriedigen. Ähnlich ist es mit einerandern Darstellung, die die Zwölfzahl der vorhandenen Tellermerkwürdig, daß nie von einem Dutzend gesprochen wird mitder Angabe begründet, daß außer Dornröschen noch elf Söhne dage-wesen seien, und da die Schreiberin zuerst zwölf Söhne genannt, dannaber zwölf durchgestrichen hat, so kann man, wenn man will, eineReminiszenz an das Märchen von den zwölf Brüdern (und ihren zwölfSärgen und zwölf Hemden) annehmen, die freilich ansonsten nirgendsin dem ganzen Aufsatz gestützt wird. Ganz fehlen Teller und Feenin einer andern Arbeit, die auch weder für das Einschlafen Dorn-röschens, noch für ihr Aufwachen einen Anlaß weiß, dafür aber denZug aufweist, daß der Königin ein Frosch sagt, sie werde eine Tochterbekommen; diesen Zug haben sonst nur noch zwei ziemlich guterzählte Darstellungen bewahrt, von denen allerdings die eine nichtbis zum Schlüsse gelangt ist.

Dem kleinen Mädchen in Komotau sind also von dem Lesen undHören des Märchens gewisse Dinge besser im Gedächtnis gebhebenals andere, und vor allem gehört zu diesen das Motiv des fehlendenTellers; aber auch der Koch, der nach dem Aufwachen nichts eiligerzu tun hat, als dem Küchenjungen die Maulschelle zu versetzen, anderen Verabreichung ihn das Einschlafen vor hundert Jahren gehinderthat, ist sechsmal behalten worden, und das ist bei dem Umstände,daß viele Mädchen gegen den Schluß der Schulstunde hasten mußtenoder überhaupt nicht bis zu dem Ende des Märchens gelangt sind,sehr viel.