Wie Kinder das Märchen vom Dornröschen erzählen. 129
erscheint ohne jeden Anlaß eine böse Fee, die spricht: „Dornröschenschlafe hundert Jahr, hundert Jahr und alle mit", was sich denn aufder Stelle zu vollziehen beginnt. Es geht aber auch ganz ohne Fluch,wie eine Erzählung zeigt, wo die dreizehnte Fee nach dem Abgangeder zwölf eingeladenen Feen erscheint; hier heißt es einfach weiter:„und alle schliefen hundert Jahre ein". Besonders merkwürdig isteine Darstellung, in der es von der Fee, die an Dornröschens drei-zehntem Geburtstag daheim bleiben muß, heißt: „Sie wurde bösdarüber und sagte immer: Wenn das Kindlein fünfzehn Jahre seinwird soll ihr ein Unglück zustoßen"; nach der Geburtstagsfeier gehtdann Dornröschen in dem Schlosse herum und findet in dem Turmeeine alte Fee beim Spinnrad sitzen, und nun: „Grüß Gott sagte diealte Fee so freundlich. Da bekam Dornröschen Zutrauen zu derAlten. Sie sprach: Oh bitte Alte lerne mir auch spinnen. Da lachtedie Alte höhnisch und sagte: Komm her mein Bürschchen." Dorn-röschen nimmt die Spindel, schreit auf und wird ohnmächtig. „Dasagte die Alte: So hundert Jahr sollst du schlafen." Während hierdie Verwünschende nicht ausdrücklich mit der Spinnerin, die freilichauch eine Fee ist, identifiziert wird, trifft das in zwei andern Erzäh-lungen zu: die eine ist auch sonst interessant, weil eine weise Frauden Fluch „Du sollst von deinem sechzehnten Lebensjahr an schlafenund nicht wieder aufwachen" so mildert: „Du sollst so lange schlafen,bis ein Freier kommt und dich küßt"; die andere aber ist so merk-würdig, daß sie vollständig mitgeteilt sei:
In einer Stadt wohnte der König und die Königin. Eines Tageswurde ein Mädchen geboren. Der König hatte nur zwölf goldeneTeller und dreizehn Feen waren in der Stadt. Die dreizehnte Feesagte zum König: „Dornröschen soll sich an ihrem fünfzehntenGeburtstage an einer Spindel stechen und tot hin fallen." EinesTages hörte der König, daß die böse Fee im Garten sei. Der Königsagte zum Kochmeister zum Gesellen und zum Dienstmädchen: Siesollen schauen wo die böse Fee ist. Der Kochmeister kam mit derSpritze, der Geselle mit dem Omelettenblech, das Dienstmädchenmit dem Besen. Sie gingen in den Garten und suchten die böse Fee.Als der König kam fragte er ob sie die Fee gesehen haben, da sagtensie nein. Jetzt war es bald zwölf Uhr und der König fragte ob dasEssen fertig ist. Sie sagten ja. Jetzt kam Dornröschen und sagte:„Wo ist denn die Torte", da sagte der Koch: „Die Tür ist zu." Jetztschlug es zwölf Uhr. Der König und die Königin zählten. Dornröschensagte: „Ich muß schauen ob die Tür auf geht." Sie zog an der Tür.Da saß die böse Fee beim Spinnrad. Dornröschen langte an dieSpindel und stach sich. Sie viel um. Jetzt kam ein Prinz und gingdurch die Dornen. Als er zum Fenster kam, stieg er hinein und gabDornröschen einen Kuß. Die Magd saß beim Hühner rupfen, derKoch gab dem Geselle eine Ohrfeige und der König und Königinschliefen. Jetzt weckte er alle auf. Der Prinz sagte zum König: „Ichwill Dornröschen als Frau."
Diese Darstellung hat eine Parallele in einer andern: Nach demFluche der dreizehnten Fee, der keiner Berichtigung bedarf, weil erschon den hundertjährigen Schlaf verfügt, wird berichtet, daß alle
9 Piager deutsche Studien, Heft 45.