128 Wie Kinder das Märchen vom Dornröschen erzählen.
Kinder vorher davon gewußt hätten und sich solcherweise hättenvorbereiten können. Das Dornröschen hatte ich gewählt, weil es hierals Grundlage nur die Fassung der Kinder- und Hausmärchen und dievon Bechstein gibt, so daß eine Beeinflussung durch Varianten, wie sieetwa bei Hansel und Gretel oder dem Rotkäppchen usw. möglichgewesen wäre, ausgeschlossen blieb. Über diese Versuche, die sichnur auf Mädchenschulen erstreckten, wird ja wohl Professor Jung-bauer ausführlich berichten oder berichten lassen; hier sei nur inKürze ausgeführt, was sich bei der Nacherzählung des Dornröschensin der einen Hälfte der zweiten Klasse der Mädchenbürgerschule inKomotau ergeben hat. Bemerkt sei noch: Komotau ist eine Stadtin dem deutschen Nordwestböhmen und zählt etwa 30.000 Einwohner,die an Bildung und Weltklugheit keinem Kleinstädter im Reiche undin Österreich nachstehen; die Erzählerinnen sind durchwegs zwölfbis dreizehn Jahre alt.
Von den achtunddreißig Schularbeiten mußten fünf ausgeschiedenwerden, davon vier uninteressante: eine enthielt nur fünf Zeilen, eineandere nur drei, eine dritte nur eine, und diese eine Zeile unter dem TitelDornröschen lautete: „Ich kann es nicht"; ihre Verfasserin verfielnicht auf das Auskunftsmittel einer Kameradin, die schrieb: „Eswar einmal eine Königin die hatte ein Mädchen das hieß Dornröschen.Die sang immer ein Lied, Mariechen war ein schönes Kind schönesKind schönes Kind, Mariechen saß auf einen Stein einen SteinMariechen saß auf einen Stein, einen Stein." Die fünfte für dieseUntersuchung nicht in Betracht kommende sei, allerdings aus einemandern Grunde, nämlich wegen der augenscheinlichen Beeinflussungdurch das „Sah ein Knab ein Röslein stehn", ebenfalls wörtlich mit-geteilt: „Es lebte einmal ein schönes Mädchen namens Dornröschen.Sie war so schön und zart wie ein Röslein. Dornröschen hielt sicham meisten auf der Heide auf. Da auf einmal sah es einen schönenKnaben. Der Jüngling setzte sich zu Dornröschen und sie erzähltensich Geschichten."*)
Von den restlichen dreiunddreißig Darstellungen des Märchenserzählen alle seine Hauptteile nur achtzehn. Allgemein sind die vondem Könige Eingeladenen in elf Fällen weise Frauen, in einem weiseJungfrauen, viermal Frauen schlechtweg, Leute und Personen jeeinmal, Feen zehnmal, Elfen einmal. Der Anlaß zu der Einladungist Dornröschens Taufe fünfzehnmal, die Geburt Dornröschens neunmal,ihr dreizehnter und ihr fünfzehnter Geburtstag je einmal, eineHochzeit einmal, die Hochzeit ihrer Eltern einmal, einmal wird keinAnlaß genannt. Achtzehnmal sind nur zwölf Teller da statt dreizehn,dreimal elf statt zwölf, einmal zehn statt elf, und einmal wird dieNichteinladung der dreizehnten Fee mit der Angabe begründet, drei-zehn sei eine Unglückszahl. Fünfundzwanzigmal erfolgt ein Fluch,aber nur siebzehnmal wird er gemildert; einmal erscheint währenddes Festmahls, zu dem zwölf Personen eingeladen sind, eine Hexe,die sagt: „Dieser Tochter wird noch etwas geschehen", und wiederin einer Darstellung, die keine Einladung und kein Festmahl kennt,
*) Vgl. W. Wisser, Auf der Märchensuche, 1926, 43.