Ein Experiment. ' 127
abgesehen von ;den paar Ausnahmsfällen, deren wir oben gedachthaben, kaum etwas dergleichen, ja es hat nicht einmal die Anknüpfungan irgendeine Realität, wie die Sage samt der Natursage und derLegende, und in dieser Haltlosigkeit, die freilich zugleich auch Un-gebundenheit und Freiheit bedeutet, liegt sein Schicksal: in dem Volks-munde löst sich das Märchen auf: das Märchen zerflattert.
Lange, bevor das Wort Zersingen zum ersten Male gebrauchtworden ist, hat Friedrich Schlegel (in seiner Rezension der von Büschingund von der Hagen herausgegebenen Volksliedersammlung in denHeidelbergischen Jahrbüchern, abgedruckt von O. F. Walzel in dem143. Bande der D. Nat.-Lit., 361—36g) „einen leichten und unfehl-baren Handgriff" angegeben, der es dort, „wo es an Volksliedern,die man sammeln könnte, gebrechen sollte", ermöglichen würde, „der-gleichen selbst in beliebiger Menge zu machen", und Schlegels Rezeptlautet so: „Man nehme das erste beste Gedicht von Geliert oderHagedorn und lasse es von einem Kinde von vier oder fünf Jahrenauswendig lernen; es wird gewiß an romantischen Verwechslungenund Verstümmelungen nicht fehlen, und man darf dieses Verfahrennur etwa drei- bis viermal wiederholen, so wird man zu seinemErstaunen, statt des ehrlichen alten Gedichtes aus dem goldenenZeitalter, ein vortreffliches Volkslied nach dem neuesten Geschmackevor sich sehen." Nun wird man ja bei diesem Vorschlage an die Ver-suche erinnert, die nach der Sage König Psammetich, Kaiser Friedrich II.und der Großmogul Akbar hätten anstellen lassen, um die Urspracheder Menschheit zu entdecken, aber man sieht auch, daß sich SchlegelsVorschlag von diesen wesentlich durch die Möglichkeit eines Erfolgesbei. seiner Durchführung unterscheidet, die sicli freilich ebenfalls aufJahre hinaus erstrecken müßte; der Nutzen allerdings wäre — jetzt —nur klein, da der Versuch bei strenger Durchführung nur bestätigenwürde, was man sowieso schon weiß, das Ergebnis aber trotzdemwegen der sicherlich anderweitig möglichen Beeinflussung der Kinderangefochten werden könnte. Das waren die ersten Erwägungen, dieich anstellte, als ich Schlegels Ausführungen las, aber schon kam mirauch der Gedanke, aus ihnen Nutzen für die Erkenntnis der Umständeztf ziehen, die das Weiterleben der Märchen im Volke bestimmen.Märchen oder auch nur deren Gerippe auswendig lernen, sie dannwiedererzählen, die eine Fassung wieder auswendig lernen zu lassenusw., wäre ja wohl nicht angegangen, hätte aber auch keinen Sinngehabt; wohl aber schien es mir nicht unmöglich, bei altern Kindern,die ihre Märchen allesamt gelesen haben, zu erheben, was ihnen davonin dem Gedächtnis verblieben ist, wie weit sich dieses und das Ver-ständnis für das Märchen bei dessen Erzählung auswirken, kurz inwelchem Maße das Märchen bei denen zerflattert, die schließlich außerden Leuten, die sich beruflich damit befassen, am meisten Interessedafür haben oder gehabt haben müssen. Ich gab diese Gedanken alsAnregung an den Vertreter der deutschen Volkskunde an der Pragerdeutschen Universität Dr. Gustav Jungbauer weiter, und er nahmsie freundlich auf; kurzer Hand ersuchte er einige volkskundlichgebildete und vertrauenswürdige Lehrer, ihre Klassen in einer Schul-arbeit das Dornröschen erzählen zu lassen, natürlich ohne daß die