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Versuch einer Theorie des Märchens
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I2ÖDas Volk produziert nicht, es reproduziert''.

märchen, mochten sie nun in Dänemark oder in Frankreich, in Italienoder in Rußland, in Griechenland oder in Indien aufgezeichnet sein,all die Vorzüge der Grimmschen Märchen aufweisen mußten: denschlichten Stil, die künstliche Motiwerbindung, die künstlerischeAusgeglichenheit und Einheit; Mangelhaftes, Brüchiges, Häßlichesdurfte nicht gezeigt werden, nur Einfaches und darum Gewaltiges.So ist denn durch das neunzehnte Jahrhundert eine Flut von Märchengebraust, allesamt aus der angeblich- letzten Quelle im Volksmunde,in Wirklichkeit allesamt aus dem Munde von Märchenpflegern, dievielleicht zum ersten Male in ihrer oft ziemlich langen Praxis dieErfahrung machten, daß ihre Märchen auch ein andres, besseres,schöneres Leben führen konnten als in dem Volke, das sie verwahrloste.Mit diesen Feststellungen gelangen wir zu dem zweiten Grundeder erstaunlichen Tatsache, daß die Romantik der Brüder Grimm nochimmer herumspukt, daß sich Mystizismus breit macht, wo nur dieRatio eine Statt haben sollte, und dieser zweite Grund liegt in derdauernden Unterlassung, die Sachliche und oft auch SprachlicheKunstform des Märchens, wie es der Märchenpfleger erzählt, von derEinfachen Form, der Märchengeschichte, zu trennen; indem man einJahrhundert lang alles in den einen Topf warf, überschriebenVolks-überlieferungen" oderVolkstraditionen", verschwand der seit jeherdagewesene Unterschied zwischen dem mit gewollter Künstlichkeitoder unbewußtem Schönheitssinn Zubereiteten und den armseligenMotivbrocken, die Vergeßlichkeit und Unverstand zurückließen, ver-schwand der Unterschied zwischen dem literarischen Märchen, demgepflegten Märchen und dem zur Geschichte verdorbenen Märchen.Nie wurde ja mit größerm Widerstand eine Feststellung aufgenommen,als der berühmte Satz, den Eduard Hoffmann-Krayer 1903 in einerPolemik mit Adolf Strack hingeschrieben hat (Hess. Bl. f. Volksk.,II, 60):Die Volksseele produziert nicht, sie reproduziert" oder, wieer als Geflügeltes Wort reproduziert worden ist und wird und wieihn schließlich Hoffmann-Krayer selber zitiert (Schweiz. Archiv f.Volksk., XXX, 182):Das Volk produziert nicht, es reproduziert",aber dieser Widerstand blieb still, passiv, und die Mystiker der Volks-kunde halfen sich auf die einfachste Weise: sie ignorierten den Satzsamt all seinen Konsequenzen. Dabei ist es, was das Märchen betrifft,nur eine kleine Schicht im Volke, die einer Handlung fähig ist, dieman Reproduktion, das heißt Wiedererzeugung oder Wiederzubereitungnennen könnte; denn da in diesem Falle der Wille gewiß nicht fürdas Werk gelten kann, so darf man bei dem, was die Masse erzählt,nicht mehr von Reproduktion, Wiedererzeugung oder Wiederzube-reitung sprechen. Für die Ursache der Verschlechterung, die das Liedin dem Volksmunde erleidet, hat Görres 1831 (in dem Nachruf fürArnim) das Wort Zersingen geprägt, und nach diesem Muster willman für den Vorgang, der das analoge Schicksal der Erzählung herbei-führt, die Wörter Zersprechen und Zersägen anwenden. Das Liedjedoch ist an Rhythmus, Reim, Melodie gebunden, und davon bleibtauch bei dem Zersingen, bei dem Übergang in das sogenannte Volks-lied, meistens noch so viel übrig, daß es den wesentlichen Inhaltstützen, vor dem Verfall bewahren kann; das Märchen aber hat.