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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die Grimmschen Märchen als Muster und Vorbilder. 125

Geschlecht erhalten worden." Und dann kommt die Versicherung:Wir haben sie aus beiden Gründen so rein als möglich aufgefaßt undnichts aus eigenen Mitteln hinzugefügt, was sie abgerundet oder auchnur ausgeschmückt hätte, obgleich es unser Wunsch und Bestrebenwar, das Buch zugleich als ein an sich poetisches erfreulich und ein-dringlich zu erhalten." Achim von Arnim freilich schrieb an JacobGrimm:Ich glaube es Euch nimmermehr, selbst wenn Ihr es glaubt,daß die Kindermärchen von Euch so aufgeschrieben sind, wie Ihrsie empfangen habt; der bildende fortschaffende Trieb ist im Menschengegen alle Vorsätze siegend und schlechterdings unaustilgbar", dieAllgemeinheit aber hat sich auf diesen mit tiefer psychologischerKenntnis begründeten kritischen Standpunkt nicht zu erheben ver-mocht, sondern die damals noch wirklich mit Treu und Glaubengegebene Versicherung mit Treu und Glauben auch für die spätemUmarbeitungen der Kinder- und Hausmärchen hingenommen; noch1909 behauptet Adolf Thimme (Das Märchen, 8) nach Zitierung jenesBriefes von Wilhelm Grimm an Goethe,eben um socher Treue willen"sei die Grimmsche Sammlung das klassische Volksbuch geworden,das sie ist, und in dem Satze Antti Aarnes (FF Comm. n° 13, 2), derals Unterschied der Grimmschen Sammlung von andern, frühemSammlungen feststellt,daß darin die Volkserzählungen in der Form,wie sie aus dem Munde des Volkes gekommen waren, ohne absichtlicheVeränderungen beibehalten werden sollten", ist diesessollten" keines-wegs in dem Sinne eines Zweifels an der Verwirklichung des Planesgemeint.

Jacob Grimm hatte eben für seine romantisch-mystische Theorie,deren Grundlagen ihm, wie er selber sagte, unerklärlich gebliebensind, begeisterte Anhänger und für seine Forderungen buchstäblichenGehorsam gefunden: lange, lange fiel es niemand ein, an die Märchenrichtig den Erdenmaßstab anzulegen, diese mesure de choses terrestres,wie J. Bödier das Wort übersetzt (Les legendes epiques, III, 1921, 223),wodurch erst deutlich das Groteske zur Geltung kommt, das darinhegt. Und es ist merkwürdig: heute noch will es vielen, die sichVolkskundler oder Folkloristen nennen, als eine Art Sakrileg anmuten,wenn man dieses Maß des Irdischen verwendet, wo es um die Majestätdes Volkes geht, und es ist schier so, als ob es sich um eine Religionhandeln würde, auf die die Worte von Apuleius abgewandelt werdendürften: Verum haec ferme communi quodam errore imperitorumphilosophis objectantur, ut partem eorum qui corporum causas meraset simplices rimantur, irreligiosos putent, eosque aiant Deos abnuere,ut Anaxagoram, et Leucippum, et Democritum, et Epicurum, cae-terosque rerum naturae patronos (Apologia, 27), ja als ob für dasHeil der Welt und nicht für den Nimbus einer am liebsten mit inkom-mensurablen Größen arbeitenden Wissenschaft frommer Irrtum, dererhält, besser wäre, als kalte Weisheit, die zerstört.

Ja, hätten die Brüder Grimm nicht Nachahmer gefunden, Nach-ahmer nicht nur im Sammeln, sondern auch in der Darstellung 1 Siefanden sie auf beiden Gebieten, in Deutschland sowohl, als auch imübrigen Europa und schließlich auf dem ganzen Erdkreis. Da wares denn fast selbstverständlich, daß alle diese sogenannten Volks-