Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
124
Einzelbild herunterladen
 

124 Die romantische Theorie der Brüder Grimm.

schließlich auf diesem Märchen auch der Eingang des Löweneckerchensberuht. Es wäre zwecklos, all die andern Notizen in der ölenbergerHandschrift aufzuzählen, die eine literarische Verwandtschaft odereine literarische Quelle der an Clemens Brentano geschickten Märchendartun; sie bezeugen sicherlich, daß die Brüder schon damals, alsonur ein paar Jahre nach Beginn ihrer Sammelarbeit, die Märchen-literatur in einem erheblichen Ausmaße gekannt haben. Alles aberhaben auch sie schließlich nicht gelesen haben können; beispielsweisehat sich Brentano zu dem 18. Märchen der Handschrift notiert:Geschichte des Brisoneto", aber noch in den Anmerkungen von1856 (110 f.) fehlt jeder Hinweis auf Georg Messerschmidts RomanVom edlen Ritter Brissoneto, Straßburg, 1559, auf den oder dessenQuelle die zweite Hälfte des jetzigen 62. Stücks der Kinder- undHausmärchen zurückgeht. Die Brüder Grimm haben ja den Grundzu dem gelegt, was wir heute vergleichende Märchenforschung nennen,aber richtig setzte diese erst mit Theodqr Benfey ein, dessen Theseihr Richtung und Weg wies. Vergleicht man etwa das Standardwerkder Mitte des vorigen Jahrhunderts, Felix Liebrechts Bearbeitungvon John Dunlop's History of Fiction, mit den von Bolte undPolivka herausgegebenen Anmerkungen zu den Kinder- und Haus-märchen, so gewinnt man ein Bild von dem Umfange, in dem in denletzten Jahrzehnten die orientalischen Literaturen, aber auch die inden Bibliotheken thesauriert gewesenen Schätze der mittelalterlichenLiteratur Europas in den Dienst der Aufgabe gestellt worden sind,die Zusammenhänge zwischen Ost und West, Einst und Jetzt auf-zuhellen. Diese unermüdlich betriebene Arbeit aber hat zur Folge, daßvon Jahr zu Jahr die Zahl der Märchen und Märlein abbröckelt, dieman, weil für sie noch keine schriftlich oder durch den Druck erhalteneParallele, Vorlage oder Quelle gefunden worden ist, noch immer alsvolkstümlich in dem Sinne, daß sie sich von selbst gemacht hätten,bezeichnen möchte.

Daß diese Auffassung von dem Volke als dem Dichter vonMärchen und Liedern noch immer nicht tot ist, ja daß sie von einerganzen Schule der Märchenforschung vertreten wird, die überdiesheute die Führerschaft beansprucht und dabei nur wenig Widerspruchfindet, läßt sich nur aus der Stellung begreifen, die die Brüder Grimmzu dem damaligen Problem, das heute längst schon keines mehr seindürfte, eingenommen haben. Diese Volkspoesie, die aus dem Gemütdes Ganzen hervortritt, die, wie alles Gute in der Natur, aus der stillenKraft des Ganzen leise hervorgeht, diese Volksdichtung, zu der derErdenmaßstab nicht hinaufreicht, ist schier mit Selbstverständlichkeitauch in den Kinder- und Hausmärchen wiedergefunden worden; hattedoch Wilhelm Grimm selber (am 1. August 1816) an Goethe geschrieben:Sie (die Hausmärchen) bezeichnen einmal ohne fremden Zusatz dieeigenthümliche poetische Ansicht und Gesinnung des Volks, da nurein gefühltes Bedürfnis jedesmal zu ihrer Dichtung antrieb, sodannaber iauch den Zusammenhang mit dem Früheren, aus welchemdeutlich wird, wie eine Zeit der anderen die Hand gereicht, undmanches reine und tüchtige, wie von einem guten Geist bei der Geburtgegebene Geschenk immer weiter überliefert und dem begabten