120 Die Vergeßlichkeit der Erzähler.
Erzählungstalent von der Menge unterschieden; sie bekamen aufdiese Weise im Durchschnitt doch ein über dem Durchschnitt stehendesMaterial, und dieses bearbeiteten sie, bis ihnen die Vollendung erreichtschien. Trotzdem aber haben auch sie nicht alle Gedächtnisfehler derÜberlieferung tilgen können, und das Märchen von dem Froschkönig,das über die altern Schwestern der Heldin überhaupt nichts zu sagenweiß — vielleicht hat es zu dem Typus von Amor und Psychegehört —, ist keineswegs das einzige Beispiel.
Bei einigen Märchen merken sie das selber an: „In unserm Märchen(n° 6) ist wahrscheinlich ausgefallen . . .", „Es scheint, das Märchen(n° 8) ist nicht ganz vollständig; es müßte ein Grund angegeben sein,warum . . .", „Das Ende (von n° 141) wohl unvollständig, und esschwebte nur vor . . .", „Ein Bruchstück (n° 150) und verworren".Bei andern Märchen und Märlein ist ihnen der Mangel wichtiger Zügenicht aufgefallen: so bei dem Königssohn, der sich vor nichts fürchtete(n° 121), wo vergessen worden ist, zu erklären, in welchem Verhältnisder Riese zu dem Königssohn stand (freilich kann auch dem Erzählerder Zug, daß die Liebste des Riesen die Schwester oder die Mutterdes zu verderbenden Helden gewesen ist, allzu ungeheuerlich geschienenhaben, wie bei Bolte-Polivka, III, 2 angenommen wird), so beimKrautesel (n° 122), wo dem Erzähler entfallen ist, daß die Wieder-gewinnung der Wunderdinge erst dadurch erfolgt, daß ihr rechtmäßigerEigentümer in der Lage ist, die von ihm bewirkte Verwandlung derSchuldigen in Eselinnen durch ein Gegenmittel wieder aufzuheben,bei der Alten im Wald (n° 123), wo nicht nur die Motive fehlen,warum die Hexe den schönen Königssohn in ein Täubchen verwandelthat, warum sie die vielen kostbaren Ringe samt dem einen schlichtenaufbewahrt, warum diesen ein Vogel im Schnabel hält, sondern auchjede Erklärung, woher der Verzauberte die Schlüssel zu den dreiBäumen mit den Speisen, dem Bette und den Kleidern hat, usw.,usw. Warum müssen in dem 133. Märchen (Die zertanzten Schuhe)die zwölf Prinzen für jede Nacht, die sie mit den zwölf Prinzessinnendurchtanzt haben, auf einen weitern Tag verwunschen werden ? Ver-gessen ist auch worden, daß sie die Buhlen ihrer nächtlichen Be-sucherinnen sind, vergessen ihr dämonischer Charakter, vergessen dersich daraus mit Selbstverständlichkeit ergebende Schluß. In demGläsernen Sarg (n° 163) ist nicht zu erraten, welche Rolle der sogänzlich überflüssig erscheinende mürrische, aber herzensgute Altehätte spielen sollen, wieso der in einen Hirsch Verwandelte denZauberer, der sich in einen Stier verwandelt hat, trotz dessen über-menschlichen Kräften zu überwinden vermag und warum er ersteinen Schneider braucht, um seine Schwester zu erlösen. Ein besonderstreffendes Beispiel aber bietet das 126. Stück (Ferenand getrü unFerenand ungetrü): Die Anmerkung sagt schon: „Das schöne Märchenscheint nicht vollständig; es müßte im Zusammenhang stehen, wenn(nämlich: es müßte begründet sein, daß) der Schimmel zuletzt einKönigssohn wird"; das ist aber nicht der einzige Punkt, wo dieErzählerin von ihrem Gedächtnis im Stich gelassen worden ist: Eshandelt sich natürlich nicht um eine Schreibfeder, also etwa einezugeschnittene Gansfeder, die der Held findet, sondern um eine