Die Auswahl der Erzähler. 119
logischen Unterricht genossen, sondern weite Reisen gemacht hatte,den kein religiöses Gefühl hinderte, die Wissenschaften, die Künste,die technischen Errungenschaften der Europäer zu bewundern, derabsolut ungläubig und ein Anbeter der Vernunft war, so darf eineungekünstelte, schlichte Darstellung nicht erwartet werden. Ähnlichverhält es sich denn auch mit den Contes de Damas (1897), die sichJ. Oestrup von einem Müller hat erzählen lassen, der „mit einemausgezeichneten Gedächtnis und einer Lebhaftigkeit begabt war, dieaus ihm einen glänzenden Erzähler machten", wenn ihm auch aller-hand Gedächtnisfehler unterliefen (11). Meist in den gebildetenStänden fand R. M. Dawkins die Gewährsleute für die Texte seinesBuches Modern Greek in Asia Minor (1916); trotzdem hat W. R.Halliday, der ein Kapitel über die Stoffe und Motive dieser Geschichtenbeigesteuert hat, die zumeist auf Märchen beruhen, feststellen müssen,daß manche von ihnen verdorben (broken down) sind (215), und seineFußnoten zu den einzelnen Geschichten rechtfertigt er als nötig zudem Verständnis dieser verdorbenen Versionen (229). Der TheologeHans Schmidt hat sich in einem Dorfe Palästinas von alten Leuten,die nicht lesen konnten, eine Menge Geschichten erzählen lassen,Märchen, Schwanke usw., und diese Texte dann zusammen mit demOrientalisten Paul Kahle in dem Vulgär-Arabisch und in deutscherÜbersetzung herausgegeben (I. Band 1918, 2. Band 1930); vorheraber haben sie die Handschrift Viktor Chauvin vorgelegt, und dieserallzu früh verewigte Gelehrte hat ihnen geschrieben: ,,I1 faut avouercependant, que peu de recits sont bien composes. La tradition, quiles a transmis au conteur semble s'etre peu ä peu affaiblie, souventon trouve, dans les contes, des d6buts d'6pisodes, dont on a oublie'le sens et qu'on ne pousse pas jusqu'au bout; souvent, aussi, oninterduit dans les contes connus des moreaux, qui n'ont rien ä y faire.Mais c'est ainsi que se d&orment ä la longue les histoires, que lepeuple raconte" (17+). Nun hatte Hans Schmidt, wie er sagt, Materialfür die Beobachtung der merkwürdigen Gleichartigkeit der Erzählungenin der Literatur räumlich und zeitlich weit voneinander entfernterVölker sammeln wollen, und die besondern Verhältnisse in dem DorfeBir-Zet im Gebirge Ephraim bestärkten ihn, diesen Versuch geradedort zu machen; denn „die palästinische Landbevölkerung ist ingewisser Beziehung bei einem ähnlichen Entwicklungspunkte ange-kommen, wie ihn unser Volk erreicht hatte, als die Brüder Grimmdie deutschen Volkserzählungen sammelten" (6+).
Natürlich ist dieser Vergleich (der untern Schicht) des deutschenVolkes vor einem Dutzend und des Landvolkes in Palästina vor zweiJahrzehnten nicht ganz berechtigt; aber mit gewissen Einschrän-kungen mag er in Gottes Namen hingehen, und die große Wahr-scheinlichkeit spricht dafür, daß die Ausbeute an Märchen, die etwain Zwehrn um 1800 zu holen gewesen wäre, wenn die alten Leute dortdurch die Bank hätten erzählen müssen, in bezug auf die Richtigkeitder Überlieferung nicht viel anders ausgesehen hätte als die, dieSchmidt aus Bir-Zet heimgebracht hat. Die Grimm haben sichimmerhin ihre Gewährsleute ausgesucht oder sich aussuchen lassen,und so hatten sie es mit Menschen zu tun, die sich durch ein besonderes