Mangel an Verständnis. 121
goldene Feder, um die Feder eines goldenen Vogels, und nicht ruft „es"hinter ihm, er solle sie aufheben, sondern der Schimmel warnt ihn,sie aufzuheben, weil er weiß, daß sie ihm durch den Umstand, daßder König, dem er sie schenken wird, den ganzen Vogel wird habenwollen, Unannehmlichkeiten bringen wird. Der Schimmel ist esnatürlich auch, der ihm rät, sich Tiere zu Dankbarkeit zu ver-pflichten, und diese Tiere helfen ihm bei den Aufgaben, die ihm gestelltwerden, während für das Mädchen, von dem die Brüder die Geschichtehaben, der Fisch, der außer dem Schimmel allein als Helfer auftritt,nur dazu da ist, dem getreuen Ferenand die Schreibfeder, die ihmins Wasser gefallen ist, zurückzubringen, obwohl er sie überhauptnicht braucht und sie auch gar nicht mehr erwähnt wird.
Daß das Motiv der gefundenen Feder in das Märchen gehörte*),das hatte die Erzählerin behalten; ihrem Gedächtnis entschwundenaber war die Bedeutung dieses Motivs in diesem Märchen, die dieselbeist wie die des Motivs von dem goldenen Haar, das ein Fluß oder derWind daherträgt: so, wie das Haar das Verlangen nach der Frauerweckt, deren Haupt eine dermaßen leuchtende Krone trägt, ebensoerregt die goldene Feder das Verlangen nach dem Vogel mit einemso gleißenden Gefieder. Kann man hier noch einen Gedächtnisfehlerannehmen, so erweisen andere Beobachtungen eine Verständnis-losigkeit für den ursprünglichen Motiv-Inhalt, die keine Einzel-erscheinung mehr ist, sondern sich sozusagen auf die Zeitgenossen-schaft, ja vielleicht sogar auf frühere Generationen erstreckt. Wirsehen ab von Motiven, die auf obsolet gewordenen Vorstellungen,wie etwa von der Wesenseinheit des Teils und des Ganzen beruhen,ebenso von Motiven, die aus der Fremde übernommen worden sind,ohne daß auch die Vorstellungen, denen sie ihr Dasein verdanken,Aufnahme gefunden hätten, sondern geben ein Beispiel, aus demerhellt, daß auch durchaus volkstümliche und volkstümlich gebliebeneMotive durch gewohnheitsmäßige Anwendung ihren eigentlichen Sinneinbüßen und dem Mißverständnis anheimfallen.
In einer aus Zwehrn stammenden Variante zu dem 92. derGrimmschen Märchen wird die ungetreue Braut nicht so wie in diesembestraft, sondern darf sich mit ihrem ersten Bräutigam vermählen;dem zweiten gibt sie den Abschied, in dem sie ihm sagt, wenn manden alten Schlüssel wiedergefunden habe, bedürfe man des neuennicht. Dieser Vergleich ist natürlich obszön, aber volkstümlich ist er
*) Die älteste Verwendung des Motivs, die ich kenne, findet sich in einemvor 1487 von Francesco Galeota verfaßten Märlein, erhalten in zwei Handschriftender Trivulziana, das dem Helden als Helfer einen dankbaren Toten beigibt;hier das Argument: Americo di Guascogna, allievo del Re Aloise di Francia,ritrovata una penna di falcone d'oro andando a caccia, facendone al suo signoreuno presente, per invidia fu accusato che aveva il falcone integro; gli fu datoesilio penale della vita, se a capo d'uno anno tale uccello dato non avesse. Trovöun cavaliere morto, e lo fece seppelire a sue dispese, satisfacendo prima a' suoidebiti. Torna povero e misero, metesi per disperato nel bosco: trova un vecchiobarbuto, il quäle gli donö tre venture: perde le dua, e con l'ultima le ricovera;e, tornato feücemente a sue contrade, satisfece alle sue promesse, ed ebbe remunera-zione e gratitudine dal morto cavaliere che seppellito avea (Giornale storico dellaletteratura italiana, XX, 12 n).